Christoph Zielinski (c) Verlag Carl Ueberreuter
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„In Literatur und Medizin geht es um große menschliche Schicksale“

Personen & Porträts
Gesundheitspolitik

Der Onkologe und Schriftsteller Christoph Zielinski spricht im INGO-Interview über seine Romane zu Flucht und Diktatur, das Phänomen des „Dichterarztes“ und die größten Fortschritte der modernen Onkologie.

Interview: Birgit Kofler

Nach einer langen wissenschaftlichen und klinischen Karriere in der Onkologie und mehr als 630 Fachpublikationen haben Sie sich in den vergangenen Jahren auch dem literarischen Schreiben zugewandt – zunächst mit zwei Sachbüchern, dann mit zwei Romanen. Was hat Sie dazu bewogen?

Christoph Zielinski: Ich habe schon während des Studiums geschrieben und damals Kurzgeschichten in der Tageszeitung „Die Presse“ veröffentlicht. Das Leben hat sich weiterentwickelt, und ich habe damit aufgehört und mich ganz auf die Medizin konzentriert. Mit der Zeit – und mit mehr Zeit, die mir heute zur Verfügung steht – habe ich wieder zum Schreiben zurückgefunden. Das ist ein erfreuliches Wiederzusammentreffen mehrerer Linien, die sich kreuzen. Geschichten haben mich immer fasziniert, besonders solche, die tief Einblick geben in das Leben von Menschen.

Der „Dichterarzt“ ist ein bekanntes Phänomen in der Literatur, es gibt zahlreiche historische wie aktuelle Beispiele für Mediziner*innen, die auch schreiben. Was verbindet die beiden Professionen?

Christoph Zielinski: Ich glaube, es ist gerade die Exposition gegenüber großen menschlichen Schicksalen, die Literatur und Medizin gemeinsam ist. Damit meine ich nicht unbedingt bedeutende Persönlichkeiten, sondern Schicksale, die einen sehr mitnehmen oder in gewisser Weise faszinieren. Das kann sicher jede Ärztin, jeder Arzt bestätigen. Wir begegnen ständig Menschen, die mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert sind. Es gibt unterschiedliche Strategien, wie man mit diesen Erfahrungen umgeht und sie verarbeitet – ohne Verarbeitung wird es schwierig. Gerade in meinem Fachgebiet ist das eine ständige Herausforderung.

Sie sind Nachfahre von Menschen, die vor einem diktatorischen Regime geflohen sind. Flucht, Vertreibung, Diktatur und Gewalt sind auch Grundmotive Ihrer beiden Romane „Laurenzerberg“ und „Villa Wundergold“. Wie sind Sie an diese Stoffe herangegangen – vorwiegend über familiäre Erinnerungen oder mit distanzierter Recherche?

Christoph Zielinski: Sowohl als auch. Ich bin in diesem Zusammenhang einer Vielfalt von Geschichten begegnet: in der Familie weitergegebenen, Berichten von Freund*innen meiner Eltern und weiteren Menschen, die es in unserem Umfeld gab. Solche realen Personen habe ich in einzelnen Charakteren verdichtet. Und ich habe ihre Schicksale beschrieben vor einem bestimmten politischen Hintergrund. Ich bin überzeugt, dass Politik eine unglaubliche Bedeutung für das menschliche Leben hat. Das ist etwas, das in Westeuropa wohl weniger erlebbar war als in Osteuropa. Wer unter diktatorischen Regimen lebt, spürt enorme Konsequenzen: Ein einziges falsches Wort kann ins Gefängnis oder in existenzielle Not führen. Das war im gesegneten Westen damals nur sporadisch der Fall, während Gewaltherrschaft als Phänomen fast ein ganzes Jahrhundert über Ost- und Zentraleuropa geschwebt ist. Noch mehr gilt das für Russland, wo man fast mit der Kerze in der Hand die historischen Perioden suchen muss, in denen dort je Freiheit geherrscht hat. Ich habe den Eindruck, dass das im Westen außerordentlich unterschätzt wird.

Beide Romane beschreiben historische Ereignisse und Entwicklungen, wirken beim Lesen aber erstaunlich gegenwärtig. Wie sehr hatten sie auch aktuelle Entwicklungen vor Augen?

Christoph Zielinski: Besonders für „Villa Wundergold“ habe ich unendlich viel Sekundärliteratur gelesen, in jedem Kapitel steckt historischer Hintergrund, den ich mir erarbeitet habe. Die menschlichen Schicksale spielen sich vor einer historischen Kulisse ab, die an vieles erinnert, das wir auch heute erleben. „Laurenzerberg“ reicht stärker in die Jetztzeit herein, dort geht es um Dinge, die nicht ehrlich und unvollständig verarbeitet wurden und deshalb immer wieder hochkommen. Das ist ein wichtiger Kern meiner Überlegungen: Wenn historisches Unrecht nicht überdacht und verarbeitet wird, und keine ausreichende Auseinandersetzung mit den Ursachen erfolgt, dann kommt es unweigerlich zurück. Das sehen wir zum Beispiel in Deutschland: In den Teilen des Landes, in denen die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus ausblieb, zeigt sich heute eine ganz andere Situation als dort, wo sie stattgefunden hat. Was wir heute beobachten, ist fast ein Reagenzglas zur Bestätigung meiner Überlegungen.

Über den Roman „Villa Wundergold“ schreiben Sie: „Der Mensch ist im Guten wie im Bösen frei in seinen Entscheidungen. Das menschlich Gute muss allerdings vor dem ebenso menschlich Bösen geschützt werden.“ Das sind sehr aktuelle Herausforderungen. Welche Bedingungen braucht es, damit sich Menschen für das Gute entscheiden?

Christoph Zielinski: Grundsätzlich glaube ich, dass es diese Freiheit zu einem gewissen Grad tatsächlich gibt. Auch wenn das eine viel diskutierte Frage bleibt. In diktatorischen, repressiven Staaten ist die Entscheidung für das Böse allerdings häufig leichter als jene für das Gute. Denn Letzteres steht den Absichten des Regimes entgegen, und tut man das Gute, wird man dadurch zum Dissidenten, der sein Leben riskiert. In freien Ländern ist es nicht so schwer, sich ordentlich zu verhalten. Anderswo kann es an die Existenz gehen. Das Prinzip kann man im aktuellen Roman „Villa Wundergold“ gut nachvollziehen. In Zentral- und Osteuropa gab es damals, während des Kommunismus, den Begriff des „anständigen Menschen“. Gemeint war damit jemand, der sich gegen das Regime stellte, kein Mitläufer war, Verfolgten Schutz zukommen ließ.

Im Westen fehlte damals ein vergleichbarer moralischer Maßstab?

Christoph Zielinski: Diesen Begriff der Anständigkeit gab es im Westen in dieser Form gar nicht, scheint mir. Gerade in Österreich neigen wir traditionell dazu, über vieles hinwegzusehen, mit einem verharmlosenden „Mein Gott, der ist halt ein Schlitzohr“. Bis sich herausstellt, dass dieses „Schlitzohr“ tatsächlich sehr Schlimmes getan hat. Interessant ist für mich auch, dass das Konzept der Anständigkeit in Westeuropa oft auf die Sexualmoral reduziert wurde. Das halte ich für eine sehr oberflächliche Definition. Insgesamt steht bei uns meiner Erfahrung nach oft eher das Arrangieren im Vordergrund als das Kritisieren. Davon ist auch die Wissenschaftsgemeinde nicht frei.

Ist der Themenkomplex Flucht, Verfolgung und Vertreibung mit diesen beiden Büchern für Sie literarisch abgeschlossen, oder werden weitere Aufarbeitungen folgen? Welche Themen und Motive beschäftigen Sie für weitere Projekte?

Christoph Zielinski: Das hängt auch davon ab, wie gut es mein eigenes Schicksal mit mir meint. Es ist in meinem Alter ja schwer abzusehen, wie viele Projekte noch möglich sind. Schreiben ist für mich jedenfalls eine tiefgehende Erfahrung, ich kann mir durchaus vorstellen, weitere Geschichten zu erzählen. Thematisch interessieren mich nach wie vor besonders schicksalshafte Verläufe, die sich fast wie eine griechische Tragödie entfalten, ob sie nun biologisch, politisch oder anders definiert sind. Eine faszinierende Geschichte ist für mich zum Beispiel, wie Boris Pasternak in den 1950er Jahren den Literaturnobelpreis für seinen berühmten Roman „Doktor Schiwago“ auf massiven Druck der sowjetischen Führung ablehnen musste. Innerhalb einer einzigen Woche geriet seine Welt aus den Fugen, ein vom System durchaus anerkannter Dichter geriet durch die Veröffentlichung eines einzigen Werks und die Anerkennung dafür im Westen in größte Bedrängnis, auch seine Lebensgefährtin wurde verhaftet. Diese Kaskade zeigt, wie schnell so etwas gehen kann.

Was braucht es, damit Menschen im entscheidenden Moment nicht wegsehen, sich einsetzen?

Christoph Zielinski: Wir stehen oft vor Abläufen und Entwicklungen, bei denen wir den Eindruck haben, nichts dagegen unternehmen zu können. Bei genauerem Hinsehen wäre es aber häufig möglich, Schritte zu setzen, um vermeintlich unumkehrbare Entwicklungen abzuwenden. Der drohende Weg in den Autoritarismus, der vielen Ländern bevorsteht, wäre eine Beispiel für eine solche Entwicklung. Wichtig scheinen mir in diesem Zusammenhang citoyenhaftes Verhalten, im Sinne mündiger, verantwortungsbewusster Bürger*innen, und ein Wertekatalog, ohne den niemand in Ruhe und Zufriedenheit leben kann. Es muss möglich sein, dass der oder die Einzelne aufsteht, auch wenn das unbequem ist, um Entwicklungen abzuwenden oder es zumindest zu versuchen. Wer sich in der einen oder anderen Weise dafür einbringt, verdient Respekt.

Im Roman „Villa Wundergold“ verweben Sie die Perspektiven dreier Brüder zu einem komplexen Geflecht an Handlungssträngen. Planen und plotten Sie so etwas im Vorhinein, oder entsteht das im Schreibprozess?

Christoph Zielinski: Ich plotte eigentlich gar nicht, sondern lasse mich von meinen Figuren verführen. Sie entwickeln sich, und ich finde es einen sehr interessanten Prozess, dabei zuzusehen und diese Interaktion zu erleben, diese Koketterie zwischen dem, was man erschaffen hat, und einem selbst.

Kommen wir noch zu Ihrem medizinischen „Lebensthema“. Sie haben die Entwicklung der klinischen Onkologie in Österreich seit den 1990er-Jahren entscheidend mitgeprägt. Was waren aus Ihrer Sicht in dieser Zeit die grundlegendsten Fortschritte?

Christoph Zielinski: Ich glaube, es sind zwei Dinge. Erstens die Entdeckung, dass gegen einen Tumor Immunität entwickelt werden kann. Lange war das nur eine Annahme, bis man schließlich erkannte, dass der Tumor die Immunität selbst unterdrückt. Zweitens hat die Anwendung des Humangenomprojekts auf die Onkologie alles verändert: Man entdeckte genetische Fehlfunktionen, deren gezielte Beeinflussung Tumoren therapierbar macht. Übrigens haben nicht alle die Bedeutung dieser Entwicklungen auch gleich erkannt. Als ich mich Anfang der 1990er-Jahre für meine erste Professur beworben und Laborergebnisse zu Immunität und Krebs präsentiert habe, saß in der Kommission ein langgedienter Professor, der meinte, so einen Blödsinn habe er lange nicht gehört. Das erinnert ein wenig an Kaiser Wilhelm, der das Automobil als eine Erfindung ohne Zukunft bezeichnete.

Wo steht Österreich in der onkologischen Versorgung im internationalen Vergleich, ist ein guter Zugang von Patient*innen zu modernen Therapien gesichert?

Christoph Zielinski: In der Onkologie sind Patient*innen in Österreich dank Schwerpunktzentren und engagierten Persönlichkeiten sehr gut versorgt. Wien hat eine ganze Reihe hervorragender spezialisierter Abteilungen, und auch in Bundesländern gibt es großartige Zentren. Der Zugang zu modernen medikamentösen Therapien ist grundsätzlich gut, besonders wenn sie im Krankenhaus verabreicht werden. Schwieriger kann es bei oralen Medikamenten werden, die von der Österreichischen Gesundheitskasse bewilligt werden müssen. Da ist oft ein erheblicher Einsatz erforderlich. Setzt sich der Arzt oder die Ärztin dafür ein, klappt es schließlich meistens, tut er oder sie das aber nicht, geben Patientinnen häufig auf und verzichten auf die notwendige Versorgung. Wir brauchen hier viel mehr Daten, wie viele Menschen solche Ablehnungen betreffen und was das für die Entwicklung ihrer Krankheit bedeutet. Ich habe übrigens bereits mehrfach vorgeschlagen, die Chefärztinnen und -ärzte durch eine App zu ersetzen – das wäre transparenter. Besonders viele Freundinnen und Freunde hat mir das nicht eingebracht.

Foto: © Verlag Carl Ueberreuter

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski wurde 1992 zum Professor für Klinisch-Experimentelle Onkologie ernannt. Ab 2001 leitete er die Klinische Abteilung für Onkologie an der I. Universitätsklinik für Innere Medizin in Wien, deren Vorstand er von 2004 bis 2017 war; von 2008 bis 2010 war er zudem Vizerektor der Medizinischen Universität Wien. Er war Präsident zahlreicher internationaler Fachgesellschaften und Kongresse, Herausgeber von Fachjournalen und ist Autor bzw. Mitautor von rund 630 Fachpublikationen. Seit 2020 ist er Ärztlicher Direktor der Wiener Privatklinik. Gemeinsam mit dem früheren profil-Chefredakteur Herbert Lackner veröffentlichte er die Sachbücher „Die Medizin und ihre Feinde“ (2022) und „Dem Krebs auf der Spur“ (2024). 2025 erschien sein Roman „Laurenzerberg“, 2026 sein zweiter Roman „Villa Wundergold“.

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