
Michael Heinisch plädiert in seinem Buch „Die Kraft des Miteinander“ für mehr Kooperation im Gesundheitswesen und darüber hinaus und entwirft Modelle, die Gesundheit näher zu den Menschen bringen sollen.
Interview: Roland Bettschart
Sie haben soeben Ihr Buch „Die Kraft des Miteinander“ veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Michael Heinisch: Aus einer Beobachtung, die mich seit Jahren begleitet. Wer das Gesundheitswesen aus der Perspektive einer Patientin oder eines Patienten erlebt, macht oft dieselbe Erfahrung: Die einzelnen Bereiche arbeiten gut. Aber zwischen ihnen ist man auf sich allein gestellt. Das ist der Punkt, an dem mein Buch ansetzt. Wir haben in Österreich exzellente Spitäler, exzellente Ärztinnen und Ärzte sowie exzellente Pflege. Was wir nicht haben, ist ein System, das diese Einzelleistungen verbindet. Und genau dort entsteht der Verlust: Wege werden länger als nötig, Entscheidungen unsicherer, Übergänge bleiben an den Patient*innen hängen. Dazu kommt eine zweite Beobachtung, die über das Gesundheitswesen hinausgeht. Ich sehe mit Sorge, wie das Miteinander in unserer Gesellschaft unter Druck gerät. Regelbasierte Ordnungen werden zugunsten eines „Rechts des Stärkeren" infrage gestellt. Ohne Bereitschaft zur Kooperation verspielen wir unsere Zukunft. Das gilt gesellschaftlich. Und es gilt im Gesundheitswesen besonders.
Warum ist gerade das Gesundheitswesen so stark auf Kooperation angewiesen?
Michael Heinisch: Weil die Komplexität, mit der wir es zu tun haben, von niemandem mehr allein zu bewältigen ist. Schon alleine der folgende Befund macht das deutlich: In Österreich leben rund 3,5 Millionen Menschen mit einzigartigen Kombinationen von Diagnosen. Eine Million davon leidet an mehr als sieben Erkrankungen gleichzeitig. Das kann keine Berufsgruppe und keine Einrichtung allein leisten. Dazu kommen Finanzierungslogiken, die falsche Anreize setzen. Ein Beispiel: Patient*innen, die nach einer stationären Akutbehandlung eigentlich Übergangspflege benötigen, bleiben häufig länger im Krankenhaus, als medizinisch notwendig wäre. Der Grund ist nicht medizinisch, sondern finanziell. Der Selbstbehalt im Spital ist niedriger als die Eigenleistung in einer Pflegeeinrichtung. Was für die einzelne Person nachvollziehbar ist, bindet auf Systemebene Ressourcen dort, wo sie nicht mehr gebraucht werden. In einer alternden Gesellschaft mit knapperen Arbeitskräften können wir uns das immer weniger leisten. Solche Beispiele zeigen, was mangelnde Kooperation kostet. Und sie zeigen, wie groß der Hebel ist, wenn wir es besser machen.
Sie reden von einem Hebel. Wie weit ist das österreichische Gesundheitssystem heute davon entfernt, ihn tatsächlich zu nutzen?
Michael Heinisch: Sehr weit. Das System ist in „Silos" organisiert, die nebeneinander laufen statt miteinander. Eine grundlegende Transformation ist unvermeidlich, schon aus finanziellen und demografischen Gründen. Was wir dabei nicht aus dem Blick verlieren dürfen: Effizienz ist im Gesundheitswesen keine rein betriebswirtschaftliche Kategorie. Es geht darum, drei „E" in eine Balance zu bringen und dort zu halten: Ethik, Empathie und Effizienz. Eine wirksame Reform muss Kooperation neu denken, ohne Abstriche bei den menschlichen und ethischen Qualitäten.
Sie nennen in Ihrem Buch die integrierte Patient*innenversorgung den „Königsweg im Gesundheitswesen“. Was macht die Stärke dieses Konzepts aus?
Michael Heinisch: Eine integrierte Gesundheitsversorgung nimmt Maß am Menschen. Doch heute müssen sich Patient*innen oft nach der Logik bestehender Strukturen richten, also den Krankenhäusern, Ordinationen, Ambulatorien, Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen. Innerhalb dieser einzelnen Einrichtungen finden sich die meisten gut zurecht. Das Problem entsteht an den Schnittstellen. Wer aus dem Spital in die Reha kommt, von der Reha in die Pflege, von der niedergelassenen Ärztin ins Ambulatorium, ist auf sich gestellt. Hier verliert sich Information, hier werden Untersuchungen unnötig wiederholt, hier bleibt die Koordination an den Patient*innen selbst hängen. Was wir brauchen, ist ein Gesundheitswesen, das sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Und zwar konsequent, in allen Lebensphasen, vom Kindergarten bis ins hohe Alter, von der Prävention bis zur Pflegebedürftigkeit. Betreuung wird dann ein kontinuierlicher Prozess mit Koordination über Sektorengrenzen hinweg. Eine wichtige Rolle wird dabei ein Lotsen- und Navigationssystem spielen, das, so wie unser Navi im Straßenverkehr, die Menschen zur für sie am besten geeigneten Stelle im Versorgungssystem führt. Wenn das gelingt, haben wir weniger Doppelgleisigkeiten, bessere Orientierung für Patient*innen und effizientere Nutzung der Ressourcen, ohne Qualitätsverlust. Gefördert wird das durch die Digitalisierung des Gesundheitssystems.
Erklären Sie das bitte.
Michael Heinisch: Digitale Technologien wie KI, Data-Mining und Telemedizin verändern das Gesundheitswesen von Grund auf. Sie werden für Patient*innen und für Expert*innen aller Berufsgruppen völlig neue Möglichkeiten der Behandlung und Begleitung eröffnen. Digitalisierung wird auch die Entscheidungsprozesse und die Form und Intensität von Kooperationen weiterentwickeln. Wir alle kennen das Gesundheitswesen als System verteilter Einrichtungen, Rollen und Aufgaben. An den Bruchstellen zwischen diesen Welten geht Qualität verloren, und es entstehen unnötig hohe Kosten. Digitale Netzwerke hingegen verbinden die Akteur*innen dieser verschiedenen Sektoren und schaffen eine Kooperationsebene, die im bisherigen fragmentierten System so nicht möglich war.
Bei allen Chancen und Potenzialen der Digitalisierung: Besteht nicht auch die Gefahr einer digitalen Zweiklassengesellschaft?
Michael Heinisch: Eine High-Tech-Medizin für Wenige wäre eine fatale Fehlentwicklung. Eine digitale Zweiklassenmedizin müssen wir natürlich verhindern. Digitale Gesundheitsgerechtigkeit fängt bei der Bildung an, digitale Gesundheitsbildung muss ein zentraler Bildungsauftrag werden, vom Kindergarten bis ins Alter. Eine weitere Voraussetzung ist der Zugang zu Endgeräten und Internet mit einer entsprechenden Netzabdeckung für alle Menschen. Wer nicht über die entsprechende Ausstattung verfügt, muss sich über öffentliche Zugangsstellen beteiligen können. Die könnten zum Beispiel in Supermärkten, Gemeindezentren, Banken oder Apotheken angesiedelt sein. Besonders wichtig sind im Gesundheitswesen hybride Zugänge, die Wahlfreiheit zwischen digitalen und durch einen Menschen erbrachte Serviceleistungen muss bestehen bleiben.
Welche Rolle haben Patient*innen in einer integrierten und digitalisierten Versorgung?
Michael Heinisch: Patient*innen spielen die zentrale Rolle in einem wirksamen integrierten Gesundheitswesen. Sie sind nicht mehr bloß Empfänger*innen von Leistungen, sondern Akteur*innen, bei der Mitgestaltung des individuellen Behandlungsprozesses ebenso wie bei der eigenverantwortlichen Nutzung von Angeboten und Ressourcen. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist Gesundheitskompetenz oder Health Literacy, also die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und im Alltag anzuwenden. Dazu gehört auch zu erkennen, wer im jeweiligen Kontext die richtigen Ansprechpartner*innen im Gesundheitssystem sind. Damit sind wir wieder bei der zentralen Rolle der Gesundheitsbildung.
Die Gesundheitsparks der Vinzenz Gruppe sind ein konkretes Netzwerk-Modell für integrierte Versorgung. Was macht sie aus?
Michael Heinisch: Unsere Gesundheitsparks stehen dafür, dass wir zusammenbringen was zusammengehört. Konkret sind das regionale integrierte Versorgungsnetzwerke, die wir seit 2015 aufbauen. Inzwischen gibt es sieben Gesundheitsparks in Oberösterreich und Wien mit rund 350 Partner*innen. Räumlich sind sie in der Nähe unserer Krankenhäuser angesiedelt und werden durch professionelles Netzwerkmanagement koordiniert. Hier arbeiten selbständige Ärzt*innen, Therapeut*innen und weitere Gesundheitsdienstleister*innen auf Augenhöhe zusammen. Keine Partner*in steht über den anderen. Die Gesundheitsparks fungieren damit als Brücke zwischen stationärer und ambulanter Versorgung, von der Prävention über Diagnostik und Therapie bis zur Rehabilitation und Pflege. Der nächste Schritt ist die logische Konsequenz daraus: Wir bringen die Netzwerke noch näher in den Alltag der Menschen. Deshalb kooperieren wir mit SPAR European Shopping Centers (SES). Shopping-Center sind Lebensräume. Die Einkaufszentren der SES verzeichnen rund 117 Millionen Besucher*innen pro Jahr. Diese Kooperation öffnet uns einen neuen Weg, Gesundheitsversorgung dort anzubieten, wo Menschen ohnehin sind.
Sie blicken in diesem Buch auch in die Zukunft und diskutieren neue Modelle, die, wie Sie schreiben, „Gesundheit näher zu den Menschen bringen“ soll. Wie könnte das funktionieren?
Michael Heinisch: Genau. Die Kooperation mit SES SPAR ist ein Beispiel. Aber sie ist nicht das Ende der Entwicklung, sondern der Anfang. Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung erfordert Mut für Neues. Kooperationen müssen in Zukunft auch Partner*innen einbeziehen, an die man bisher weniger gedacht hat. Gesundheit muss dort stattfinden, wo sich Menschen in ihrem Alltag aufhalten. Gemeinden, Bahnhöfe, Fitnessstudios, Apotheken, Unternehmen, Kinos, Sportvereine, Bildungseinrichtungen. Sie alle werden täglich von vielen Menschen aufgesucht und bieten potenzielle Zugänge zu Gesundheit. Wir brauchen also strategische Partnerschaften mit Akteur*innen außerhalb des Gesundheitswesens, die über Infrastruktur und Reichweite verfügen und denen die Menschen vertrauen. Wer Menschen in ihrem Alltag erreichen will, muss gewohnte Grenzziehungen hinterfragen. Ein Gesundheitswesen, das nur innerhalb des Bekannten denkt, kann den Herausforderungen der Zukunft nicht gerecht werden.
Michael Heinisch. Die Kraft des Miteinander. So stärken Kooperationen Gesellschaft und Gesundheitssystem. Carl Ueberreuter Verlag, Mai 2026, 180 Seiten, ISBN 978-3-8000-8107-3 2026, 180 Seiten, ISBN 978-3-8000-8107-3
Michael Heinisch ist seit 2001 Vorsitzender der Geschäftsführung der Vinzenz Gruppe. Nach seinem Studium an der WU Wien arbeitete er am Management-Zentrum St. Gallen und bei der VA Tech. Er lehrt Health Care Management an der WU Wien und der Donau-Universität Krems, führt als Vorsitzender den Universitätsrat der Medizinischen Universität Graz und ist Professor für Praxisorientiertes Health Care Management an der Universität Graz.
Foto: Titelbild Michael Heinisch © Alek Kawka; Buchcover © Carl Ueberreuter Verlag Wien

Cover Die Kraft des Miteinander - Michael Heinisch - Carl Ueberreuter Verlag