
In ihrem neuen Buch beschreibt Bestsellerautorin Dr.in Melanie Wolfers, wie positiv Freude auf Körper, Psyche und unser Miteinander wirkt. Im INGO-Interview spricht die Ordensfrau darüber, was uns die Freude raubt, und wie wir sie im Alltag stärken können.
Interview: Birgit Kofler
Sie werden von vielen als „Mutmacherin“ bezeichnet. Dem werden Sie mit Ihrem neuen Buch „Freude. Das Leben ins Herz schließen“ einmal mehr gerecht. Warum ist es so wichtig, sich gerade jetzt, in Zeiten multipler Krisen, Bedrohungen und Verwerfungen, mit dem Thema Freude zu beschäftigen?
Melanie Wolfers: Gerade weil die Welt so ist, wie sie ist, brauchen wir Freude – nicht als Realitätsverweigerung, sondern als etwas ganz anderes. Ich nenne einige der wichtigsten Gründe. Erstens: Wir alle wollen Freude empfinden; sie gibt unserem Leben Glanz und macht es lebenswert. Wir leben nur ein einziges Mal, und daher sollten wir das Beste daraus machen, solange wir können. Zweitens: Freude lässt uns an Lebensmöglichkeiten glauben. Sie ist eine Widersacherin der Angst, weil sie uns aus Zukunftsangst-Szenarien in die Gegenwart zurückholt und uns Boden unter die Füße gibt. Freude stärkt also unsere Resilienz. Und drittens ist Freude auch eine gesellschaftspolitische Kraft. Diesen Zusammenhängen widme ich im Buch auch ein eigenes Kapitel. Freude motiviert, die Komfortzone zu verlassen und sich für eine lebenswertere Zukunft für alle einzusetzen.
Was löst Freude in unserem Kopf und Körper aus?
Melanie Wolfers: Rein körperlich gesehen richtet uns Freude zunächst einmal auf. Wenn wir uns freuen, nehmen wir auch mal drei Treppenstufen auf einmal. Sie bildet ein Gegengewicht zur Erdenschwere. Und Freude unterstützt die körperliche Gesundheit: Muskeln entspannen sich, der Herzschlag beruhigt sich, Stresshormone werden abgebaut, das Immunsystem gestärkt, der Schlaf ist tiefer und erholsamer. Freude ist kein Wundermittel gegen Krankheit, aber sie hilft dem Körper, sich zu erholen und Kraft zu sammeln. Auf seelischer Ebene stimmt für einen Moment alles, innen wie außen. Freuen wir uns, können wir fraglos Ja sagen zu uns und diesem Augenblick – und das ist das beste Gefühl, das es gibt. Und ich sage gerne: Freude tut nicht nur gut, sie macht auch klug. Es gibt dazu interessante Forschung etwa von der Psychologin Barbara Fredrickson, die zeigt: Positive Emotionen versetzen unser Gehirn in die Lage, mehr Informationen gleichzeitig zuzulassen und sinnvoll zu verarbeiten als wenn wir in einem Angst- oder Wuttunnel stecken. Freude macht klug, kooperativ und kreativ. Sie ist ein Vitamincocktail für Körper und Seele.
Wenn Freude uns so guttut, warum stehen wir uns dann selbst so oft im Weg dabei, sie anzunehmen und zu genießen, wie Sie in Ihrem neuen Buch beschreiben?
Melanie Wolfers: Das erlebe ich auch selbst immer wieder. Vor kurzem fragte mich eine Bekannte, wie es mir geht. Mir ging es gut, und das erzählte ich ihr auch. Sie murmelte nur „das freut mich“ und wechselte das Thema. Meine Freude fiel in sich zusammen; es war mir fast peinlich, so positiv von meinem Leben berichtet zu haben. Es stecken verschiedene „Glücksfresser“ hinter unserer gelegentlichen Unfähigkeit, Freude zuzulassen. Einer ist zum Beispiel die Glücksangst: In Momenten unbeschwerter Freude schießt oft der Gedanke ein, diesen Moment nicht festhalten zu können – und schon raubt die Verlustangst uns die Freude, während sie noch stattfindet. Das ist eine nachvollziehbare, aber ziemlich unkluge Strategie unseres Gehirns. Wenn wir der Freude weniger Raum geben, sind wir dadurch nicht besser für Krisen gerüstet, im Gegenteil. Freude ist wie ein Stoßdämpfer für die ruckeligen Straßen des Lebens. Ein zweiter Glücksfresser, dem ich gerade bei Frauen oft begegne, ist die Aufschieberitis: die unbewusste Überzeugung, sich Freude erst verdienen zu müssen. Sie hat erst Platz, wenn das Projekt fertig, alle versorgt und zufrieden sind – „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Das ist ein tiefes Missverständnis. Freude braucht keine Rechtfertigung, sie ist keine Bonuszahlung, die am Ende eines Arbeitstages oder am Beginn der Rente ausgeschüttet wird, sondern ein Zeichen unserer Lebendigkeit.
Freude ist nicht nur individuell wichtig, weil es uns damit besser geht. Sie beschreiben im neuen Buch Freude auch als gesellschaftspolitische Transformationskraft – als etwas, das aus einem „Wir sollten“ ein „Wir wollen“ macht. Können Sie das an einem Beispiel konkretisieren?
Melanie Wolfers: Freude baut Brücken, auch zwischenmenschlich. Alle Menschen lächeln in derselben Sprache, das ist ein starkes Bindemittel für Beziehungen. Gesellschaftlich baut Freude eine Brücke ins Morgen. Bei weitreichenden Veränderungen, etwa beim Mobilitätsverhalten, reicht Wissen allein nicht aus. Wenn wir uns nur vor Augen führen, dass wir aufs Auto verzichten müssen, bleibt es beim „Wir sollten“. Stellen wir uns dagegen vor, wie Wien aussehen könnte, wenn es weitgehend frei von privatem Autoverkehr wäre – mehr Grünflächen, kühlere Straßen, sichere Spielzonen für Kinder, Vogelgezwitscher statt Lärm –, dann will ich Teil dieser Zukunft sein. Positive Zukunftsbilder verwandeln ein „Wir sollten“ in ein „Wir wollen“.
Sie nennen soziale Medien explizit als einen Faktor, der unsere Fähigkeit zur Freude schwächt. Was genau tun sie mit uns?
Melanie Wolfers: Die App-Entwickler haben die Hirnforschung gut studiert. Likes, Benachrichtigungen, endloses Scrollen triggern gezielt unser Dopamin-Belohnungssystem. Das ist keine persönliche Willensschwäche, wir gehorchen der Logik unseres Gehirns. Soziale Netzwerke sind Zeitdiebe. Sie zersetzen unsere Aufmerksamkeit und haben ein hohes Suchtpotenzial All das schwächt die Fähigkeit zur Freude, denn Freude braucht Präsenz und Resonanzraum. Wir müssen uns gegen diese Mechanismen schützen und wappnen. Eine Möglichkeit ist, Öffnungszeiten einzuführen. Das Internet hat keine Öffnungszeiten wie Geschäfte, doch wir können eigene „Schließzeiten“ einführen, zum Beispiel bei Tisch, im Schlafzimmer oder ab einer bestimmten Uhrzeit am Abend.
Sie unterscheiden zwischen flüchtigen Glücksmomenten und einer tieferen, tragfähigen Freude. Im Vorwort Ihres neuen Buchs stellen Sie selbst die Frage: Was können wir dazu beitragen, dass Freude nicht nur gelegentlich bei uns zu Gast ist, sondern bei uns heimisch wird? Welche Antwort haben Sie gefunden?
Melanie Wolfers: Ich habe sieben Schlüssel gefunden, die die Tür zu einer tragfähigen Freude öffnen – tragfähig vor allem auch im Umgang mit Leid und Widrigem. Denn das entscheidet darüber, ob die Freude ein flüchtiges Gefühl ist, abhängig von der Gunst der Stunde, oder eine verlässliche Grundstimmung. Ein solcher Schlüssel ist etwa der Perspektivwechsel: Belastende Situationen wecken dunkle Gefühle, die sich nicht einfach wegdenken lassen. Aber wir können versuchen, eine Situation bewusst in einem günstigeren Licht zu interpretieren und zu fragen, was wir daraus lernen können. Bei einer tiefen Kränkung oder einer schweren Krankheit greift das natürlich nicht so einfach, das braucht einen langen Verarbeitungsprozess. Deshalb ist mir ein zweiter Schlüssel besonders wichtig: sich trauen zu trauern. Wir sind nicht nur zur Freude begabt, sondern auch zur Trauer, und es nimmt viel Druck, wenn wir uns erlauben, nicht immer gut drauf zu sein. Ich bin davon überzeugt, viele wären glücklicher, wenn sie ab und zu auch mal unglücklich sein dürften. Ein dritter Schlüssel: Gemeinsam geht es uns besser. Unser Immunsystem liebt einen liebevollen Blick oder Zärtlichkeit noch mehr als Brokkoli. Dauerhaftes Wohlbefinden entsteht vor allem durch tragfähige Beziehungen und durch das, was die Forschung den „warmen Glanz des Gebens“ nennt. Es macht Freude, jemandem eine Freude zu machen.
Was können Sie gerade Menschen im Gesundheitswesen nach Ihrer umfassenden Beschäftigung mit dem Thema Freude mitgeben?
Melanie Wolfers: Erstens: Freude ist kein Luxus, sie ist ein Gesundheitsfaktor. Sie wirkt nicht nur auf das seelische Wohlbefinden, sondern auch auf Stressregulation, Resilienz, Motivation und die Fähigkeit, Belastung zu bewältigen. Zweitens: Freude macht die Belastung nicht kleiner, aber sie macht uns Menschen größer. Sie schafft innere Weite und hilft, Schweres zu tragen, ohne daran zu zerbrechen. Drittens: Freude ist ansteckend und Teil guter Versorgung. Zugewandtheit, Humor, gemeinsam erlebte positive Momente stärken die Beziehung zu Patient*innen. Auch im Team lohnt es sich, Erfolge bewusst zu feiern und sich an der Freude anderer mitzufreuen. Und viertens, das liegt mir besonders am Herzen: Freude braucht Bedingungen, sie lässt sich nicht einfach individuell verordnen. Wo Zeitdruck, Personalmangel oder fehlende Wertschätzung dominieren, tragen Führungskräfte und Organisationen Verantwortung dafür, Räume für Selbstwirksamkeit, Beziehung und Sinn zu schaffen. Ich frage mich da auch: Wir wissen viel darüber, was Menschen am Leben hält – aber wissen wir genug darüber, was Menschen gerne leben lässt? Auch das gehört zu einer Gesundheitsvorsorge, die den Namen verdient.
Sie geben den Leser*innen in Ihrem Buch viele praktische Übungen mit. Was ist Ihr eigenes verlässlichstes Freude-Ritual?
Melanie Wolfers: Ich habe viele Favoriten, ich nenne drei Beispiele. Der erste ist die „angewandte Relativitätstheorie“: Wenn mich etwas ärgert, frage ich mich, wie belastend diese Situation in zehn Minuten, zehn Tagen, zehn Jahren oder an meinem Lebensende noch sein wird. Meistens fange ich schon bei der Frage nach den zehn Minuten an zu grinsen. Der zweite ist „eine Handvoll Glück“: Morgens wandert eine Handvoll Bohnen in die linke Hosentasche, und jedes Mal, wenn mir tagsüber etwas Positives begegnet, wandert eine Bohne in die rechte. Abends nehme ich die Bohnen wieder in die Hand und erinnere mich an die jeweilige Situation. Diese Übung lässt uns aufmerksamer sein für das Gute im Verlauf eines Tages. Und abends können wir uns der Nachfreude hingeben. Das dritte ist die „Freudenfreude“: das Gegenteil von Schadenfreude, also sich am Glück einer anderen Person mitzufreuen. Die Freudenfreude bereichert beide. Und sie ist mehr als ein großes Gefühl. Sie ist eine Haltung, eine Herzenseigenschaft, die sich einüben lässt. Wenn jemand etwas Schönes erzählt, nicht nur „schön" zu sagen, sondern nachzufragen: Was war daran für dich das Schöne? Eine Nachricht zu schicken, wenn jemandem etwas gelungen ist. Geteilte Freude verdoppelt sich.
Titelbild: © Ulrik Hölzel
Buchtipp:
Melanie Wolfers: Freude. Das Leben ins Herz schließen. Erschienen am 1. September 2026 im bene! Verlag. 176 Seiten, ISBN 978-3-96340-301-9
Zur Person:
Dr.in Melanie Wolfers, Jahrgang 1971, wird von vielen als „„Mutmacherin“ bezeichnet. Die promovierte Philosophin und Theologin lebt seit 2004 in der internationalen Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen in Wien. Sie ist Bestsellerautorin, Rednerin und Beraterin, betreibt den Podcast „GANZ SCHÖN MUTIG“ und moderiert im ZDF die Talksendung „Die letzte Bank“. www.melaniewolfers.de