
Geschlecht bleibt der häufigste Diskriminierungsgrund im Medizinbetrieb. Sabine Ludwig erklärt im INGO-Gespräch, warum Geschlecht eine zentrale Dimension bleibt, auch wenn Diversitätsmedizin breiter ansetzen muss.
Interview: Birgit Kofler
Frau Professorin Ludwig, die Ringvorlesung des Instituts für Diversität in der Medizin an der Med Uni Innsbruck steht in diesem Sommersemester unter dem Motto „Gendermedizin neu gedacht." Warum müssen wir Gendermedizin neu denken?
Sabine Ludwig: Der Begriff „Gender“ umfasst das soziokulturelle Geschlecht und somit unter anderem Geschlechterrollenerwartungen und die Geschlechteridentität. Wir betrachten aber sowohl das biologische als auch das soziokulturelle Geschlecht und auch weitere Diversitätsdimensionen, daher wird vermehrt – auch international - anstatt „Gendermedizin“ der Begriff „Geschlechter- und Diversitätssensible Medizin“ verwendet. Das heißt aber nicht, dass der Frauengesundheit dadurch weniger Bedeutung zukommt.
Ist es für die Frauen eine gute oder eine schlechte Nachricht, wenn Institute und Programme wie das Ihre zunehmend nicht mehr die Gendermedizin und -forschung im Namen haben, sondern die Diversität? Heißt es, die Geschlechtergerechtigkeit ist erreicht, jetzt können wir uns neuen Themen zuwenden?
Sabine Ludwig: Die Diversitätsperspektive zeigt auf, dass Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit basierend auf Alter oder Migrationserfahrung intersektional adäquat versorgt werden. Daher ist es auch eine gute Nachricht.
Welche Zielgruppen sprechen Sie mit dieser Ringvorlesung an, die sich ja je nach Semester immer wieder unterschiedlichen Diversitätsdimensionen widmet?
Sabine Ludwig: Die Veranstaltung ist bewusst öffentlich zugänglich. Ein Ziel ist dabei unter anderem, mehr Wissen zu Geschlechter- und weiteren Diversitätsaspekten bei Erkrankungen zu vermitteln und auf diese Weise zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung beizutragen. Für die Zielgruppe der Studierenden geht es uns darum, Bewusstsein für Diversitätskategorien zu schaffen, wie zum Beispiel zum Thema Behinderung. Inhalte dazu sind im Pflichtcurriculum bisher kaum verankert.
Sie haben viel zu Diskriminierungserfahrungen geforscht. Was zeigen Ihre Daten: Welche Rolle spielt das Geschlecht als Diskriminierungsgrund im Vergleich zu anderen Dimensionen?
Sabine Ludwig: Geschlecht steht als Ursache für Diskriminierung an erster Stelle. Insgesamt berichten deutlich mehr Frauen als Männer von Diskriminierungserfahrungen. Als weitere Gründe für Diskriminierung werden Aspekte wie Nationalität, Sprache, Alter, Elternschaft oder Hautton angeführt. Frauenförderung und Gleichstellung müssen daher weiterhin Priorität haben.
Eine typische Diskriminierungserfahrung von Frauen ist das Absprechen von Kompetenz. Ist das spezifisch für das Geschlecht, oder trifft das auch andere Gruppen?
Sabine Ludwig: Generell werden Männer eher als kompetent eingestuft. Es gibt Studien, die zeigen, dass Frauen mit tieferer Stimme in einem professionellen Kontext besser bewertet und kompetenter erlebt werden als Frauen mit hoher Stimme.
Wo sehen Sie im medizinischen Wissenschaftsbetrieb und im Gesundheitswesen noch die größten blinden Flecken – also Bereiche, in denen Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht oder anderer Faktoren bisher zu wenig erforscht oder adressiert werden?
Sabine Ludwig: Ein wichtiger Punkt ist nach wie vor die Berücksichtigung von Geschlechteraspekten in der Medikamententwicklung. Wenn ein Medikament getestet wird, sollten Frauen und Männer adäquat miteingeschlossen werden. Ein Wirkstoff kann bei Männern wirksam sein, bei Frauen hingegen nicht und es können zum Beispiel vermehrt Nebenwirkungen auftreten. Auch in den Therapieberufen wie der Physiotherapie oder Logopädie fehlen geschlechtersensible Daten.
Was sind aus Ihrer Sicht die dringlichsten offenen Fragen in der geschlechtersensiblen Medizin – also Bereiche, in denen Frauen heute noch systematisch schlechter versorgt werden?
Sabine Ludwig: Frauen berichten nach einer Herzoperation häufig eine schlechtere Lebensqualität. Es gibt auch Unterschiede bei der Krebstherapie. So haben bei Frauen Chemotherapeutika oftmals mehr Nebenwirkungen mit der Folge, dass die Therapie häufiger unterbrochen werden muss und das Outcome schlechter ist. Zudem sind die Wechseljahre zu erwähnen: Wissen und die Sensibilisierung des Gesundheitspersonals für dieses Thema sollte verbessert werden.
Im Vorfeld des Internationalen Frauentages hat die Ärztekammer Wien kürzlich eine repräsentative Medizinerinnen-Befragung publiziert. 64 Prozent der befragten Ärztinnen haben selbst bereits Hürden bzw. Benachteiligungen erlebt. Familienplanung und Kinderbetreuung sind für jede zweite Ärztin die größten Karrierehindernisse und 93 Prozent sagen, dass Mutterschaft im ärztlichen Berufsalltag strukturelle Nachteile mit sich bringt. Überrascht Sie solche Ergebnisse? Sind das nicht Befunde, die im Jahr 2026 der Vergangenheit angehören müssten?
Sabine Ludwig: Die Zahlen überraschen mich nicht. Die Vereinbarkeit von Familie und Karriere sind nach wie vor für viele Frauen ein großes Thema. In Norwegen oder Schweden ist es eher akzeptiert, dass eine Sitzung früher beendet wird, um beispielsweise die Kinder abzuholen. Die Daten des OECD-Dashboards zum Thema Gender-Gap zeigen, dass es in Österreich noch viel zu tun gibt: Nahezu die Hälfte der Bevölkerung ist weiterhin der Meinung, dass es Kindern schadet, wenn Mütter arbeiten.
Sie haben die deutsche Sektion von Women in Global Health mitgegründet. Was war die Motivation für diese Bewegung und was sind ihre Anliegen?
Sabine Ludwig: Der Großteil der Beschäftigten im Gesundheitswesen sind Frauen, aber nur ein geringer Anteil sind in Führungspositionen vertreten. Als Begründung wird häufig angeführt, dass es keine qualifizierten Frauen gäbe. Dies ist aber nicht der Fall, sie müssen nur sichtbar gemacht werden. Genau das ist eine der Zielsetzungen von Women in Global Health. Diese weltweite Bewegung ist heute in über 60 Ländern aktiv und setzt sich für Gleichstellung in der globalen Gesundheit ein. In Österreich gibt es seit 2023 eine eigene Sektion. Women in Global Health Austria ist ein breites Netzwerk von Frauen aus unter anderem Forschung, Wissenschaft und Politik – Stellenangebote werden geteilt, Frauen werden für Gremien vorgeschlagen, Positionspapiere für Regierungsstrategien werden erarbeitet, und vieles mehr.
Wo sind global gesehen heute noch die größten Geschlechterungleichheiten in der Gesundheitsversorgung?
Sabine Ludwig: Zu erwähnen ist hier die Müttersterblichkeit. Alle zwei Minuten stirbt weltweit eine Frau an einer vermeidbaren Schwangerschaftskomplikation. Mehr als 50 Prozent der verheirateten Frauen weltweit können nicht selbst über ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit entscheiden. In vielen Regionen haben Mädchen weniger Zugang zu Bildung – diese führt zu einer geringeren Gesundheitskompetenz mit negativen Auswirkungen für die Familiengesundheit. Gewalt gegen Frauen ist ebenfalls zu erwähnen – auch in Österreich sind die Zahlen weiterhin hoch. Gebärmutterhalskrebs ist in Teilen Afrikas noch weit verbreitet, obwohl es eine Impfung gäbe – doch es fehlt an den Mitteln, ihn auf breiter Basis zugänglich zu machen.
Titelbild: Sabine Ludwig (c) David Bullock