
Pilotprojekt: Der Chatbot KARLI unterstützt im Krankenhaus Göttlicher Heiland bei der Pflegedokumentation und berät pflegende Angehörige von Patient*innen, die von der Palliativstation nach Hause entlassen werden.
Text: Sebastina Deiber
KARLI ist eine Open-Source-Plattform für KI-Assistenten des Linzer KI-Startups FiveSquare. Die Palliativstation St. Raphael im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien hat maßgeschneiderte Lösungen für verschiedene Use Cases getestet, berichtet Raphael Bayer, pflegerischer Leiter der Palliativstation: „Wir haben zwei Teilprojekte verfolgt. Im ersten wollten wir herausfinden, ob wir mit einem Large Language Model eine Beratung zum Thema Entlassung und häuslicher Pflege von Palliativpatient*innen anbieten können.“
Als digitaler Assistent berät der Chatbot pflegende Angehörige zu verschiedensten Fragestellungen, erklärt Bayer: „Beispielsweise, wie man einen Dekubitus verhindert. Oder zum Thema Hilfsmittel: Wo bekomme ich einen Leibstuhl her? Was benötige ich an Verbandsmitteln oder Drainagesystemen?“ Die technischen Anforderungen sind niedrig: Über einen QR-Code kann man per Smartphone oder Tablet mit dem KI-Assistenten interagieren.
Beim Chatten mit KARLI profitieren Nutzer*innen rund um die Uhr von pflegerelevantem Expert*innenwissen, ohne extra mit Termin auf die Station kommen zu müssen. „Das Wissen, auf das KARLI zurückgreift, stammt aus unserem Haus“, sagt Bayer. Um verlässlich korrekte Antworten zu liefern, berücksichtigt der Chatbot ausschließlich diese geprüften Informationen und recherchiert nicht zusätzlich im Internet. Auch für Datenschutz ist gesorgt: Jeder neue Chat mit KARLI beginnt „bei Null“, da das System keine personenbezogenen Daten speichert.
Zu Themen, die unter das Medizinproduktegesetz fallen, bietet KARLI keine Beratung an, betont Bayer. Bei entsprechenden Anfragen, etwa betreffend Schmerzmittel, verweist das Sprachmodell auf den Hausarzt oder mobile Palliativteams. „Und wenn sonst noch Fragen offenbleiben, stehen wir auf der Station natürlich weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung.“

Das Wissen, auf das KARLI zurückgreift, stammt aus unserem Haus.
Raphael Bayer
Im zweiten Projekt stand KARLI als digitaler Assistent für die stationäre Pflegedokumentation auf dem Prüfstand. Mittels Speech-to-Text-Funktion überträgt KARLI Diktate von Pfleger*innen auf Knopfdruck in einen strukturierten Pflegebericht. Gleichzeitig hilft die KI bei der lückenlosen Dokumentation, erklärt Bayer: „Erwähnt die Pflegefachkraft beispielsweise ein Delir-Symptom, erinnert KARLI sie daran, die DOS-Skala anzuwenden. Oder KARLI fragt nach, ob sie die verabreichten Medikamente tatsächlich in der Fieberkurve abgezeichnet hat oder dokumentierte Schmerzen in der Symptomskala.“
Langfristig hofft Bayers Team, diktierte Informationen automatisch direkt in der elektronischen Fieberkurve abbilden zu können. Mit KARLI sei das mangels Schnittstelle derzeit nicht möglich, erklärt der Pflegeexperte. „Unser Team hat aber sehr positive Erfahrungen damit gemacht, wie KARLI jetzt schon dabei unterstützt, bei der Dokumentation nichts zu vergessen. Dieser Proof-of-Concept ist sehr gut gelungen.“
Kleine Abstriche gab es wegen gelegentlicher Probleme mit Hintergrundgeräuschen, die das Transkript verfälschen können. Bessere Mikrofone, Spracherkennung und Filterung könnten die Ergebnisse in Zukunft verbessern. Auch wenn die diktierende Person einen starken Akzent hat, kann es zu Fehlern kommen. „Eine weitere Limitation: Aus Datenschutzgründen braucht man einen geschützten Bereich, in dem man Diktieren kann, ohne dass jemand zuhört“, so Bayer.
Zur Rolle von KARLI als Pflegeberater sammelt Bayers Team derzeit noch Feedback. „Das dauert noch, da wir in der bisherigen Testphase noch nicht genügend Fälle hatten, wo es zur Entlassung nach Hause gekommen ist – wir brauchen mehr Daten zur Evaluation, bevor wir eine fixe Implementierung anstreben können.“ Das Potential digitaler Assistenten in der Pflege sei jedenfalls riesengroß, sagt Bayer. „Da die Zahl der Fachkräfte tendenziell abnimmt, sind sie ein wichtiges Instrument, um unsere vorhandenen Ressourcen effizient zu nutzen und gleichzeitig die Qualität der Pflegedokumentation zu verbessern.“
Titelbild: © Krankenhaus Göttlicher Heiland