Comic-Ausschnitt (c) MedUni Wien
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Kunst in der Medizinausbildung

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Medizinische Comics und Kunst zur Schulung der Aufmerksamkeit: Was Kunst im medizinischen Alltag vermitteln kann, öffnet ein breites Feld an sozialen oder kommunikativen Kompetenzen.

Text: Birgit Weilguni

Kunst und Medizin befinden sich immer wieder in einem fruchtbaren Dialog – man denke nur an die Kunstwerke der Patient*innen mit psychischen Erkrankungen in Gugging oder jene von Egon Schiele, Erwin Dominik Osen oder Frida Kahlo, die Erkrankungen in ihrer Kunst „verarbeiteten“. Dass Kunst auch in der medizinischen Lehre bisher kaum genutztes Potenzial bieten kann, zeigen beispielhaft zwei Initiativen in Augsburg und Wien.

Strategien des visuellen Denkens

Visual Thinking Strategies (VTS) entstanden an der Schnittstelle von kunstpädagogischer Praxis in Museen und entwicklungspsychologischer Forschung zur Kunstwahrnehmung. In den USA sind diese Methoden seit den 1970ern im Fokus der Forschung. Prof. Dr. Thomas Rotthoff, Lehrstuhlinhaber für Medizindidaktik und Ausbildungsforschung an der Medizinischen Universität Augsburg, hat die Idee für die Universität Augsburg übernommen und setzt die Methode in der Lehre ein. Bei VTS betrachten Studierende Kunstwerke in einer moderierten Diskussion. Ausgehend von ihren Beobachtungen begründen sie ihre Deutungen anhand sichtbarer Details. Die Diskussion hilft, differenziert zu beobachten, Evidenz zu suchen, aktiv zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven wertzuschätzen.

„Vorkenntnisse sind für die Methode nicht erforderlich“, erklärt Rotthoff. „Eine moderierende Person führt durch die Diskussion und veranlasst durch Rückfragen zum Offenlegen der eigenen Gedanken.“ Hintergrund sei, dass im medizinischen Alltag die Fähigkeit zur genauen Beobachtung nur wenig trainiert werde, dabei seien Beobachtung, Wahrnehmung und Schlüsse daraus zu ziehen wichtige Schritte in der Kompetenzentwicklung von Ärzt*innen. „Die Studierenden lernen darüber hinaus Offenheit, unterschiedliche Perspektiven und andere Meinungen zu respektieren. Die Übertragbarkeit auf die Medizin ist sehr hilfreich, denn hier kommen diese Fähigkeiten oft zu kurz“, so Rotthoff.

Die Reaktionen auf die Methodik sind durchwegs positiv, wenn sich auch einzelne Personen davon „nicht abgeholt fühlen“. Zahlreiche Studien belegen die Effizienz von VTS, das u.a. bereits 2004 von der Harvard Medical School eingeführt wurde. Auch wenn die Ergebnisse schwierig zu messen sind, bestätigen zahlreiche Reviews die positiven – und nachhaltigen – Effekte für präzisere Beobachtungsfähigkeit und damit Diagnostik, Einfühlungsvermögen und den Umgang mit Unsicherheiten oder die Ausdrucksfähigkeit.

Comics in Palliative Care

Studierende werden in Bezug auf Palliative Care in Kommunikation und Empathie geschult – kreative Ansätze fördern ihr Verständnis für entsprechende Fähigkeiten. Im Rahmen von „Graphic Medicine“ bieten medizinische Comics die Möglichkeit, schwierige Situationen in der Palliativversorgung mithilfe grafischer Darstellungen anzusprechen. „Die Comic-Form ermöglicht es, komplexe und emotional sensible Inhalte der Palliative Care auf niederschwellige und anschauliche Weise zu vermitteln“, erklärt Univ.-Prof.in PDin DDr.in Eva Katharina Masel, MSc, Leiterin der Klinischen Abteilung für Palliativmedizin an der MedUni Wien. „Durch die Verbindung von Bild und Text können medizinische Informationen in erzählerische Zusammenhänge eingebettet werden, was das Verständnis erleichtert und Berührungsängste abbaut.“ Comics sprächen sowohl die kognitive als auch die emotionale Ebene an und eröffnen einen Zugang, der über rein sachliche Broschüren oft nicht erreicht wird. Zudem könnten unterschiedliche Perspektiven, etwa von Patient*innen, Angehörigen und Behandelnden, parallel dargestellt werden. Dieser Perspektivenwechsel sei auch zur Reflexion äußerst wertvoll.

Die künstlerische Umsetzung einer mit dem Theodor Körner Preis ausgezeichneten Aufklärungsbroschüre zu Palliative Care erfolgte durch Sal Marx, die Interviews führte, und Dr.in Anna Kitta, BA, MSc, die einen Master of Narrative Medicine an der Columbia University in New York absolvierte. „Das Projekt entstand in enger Zusammenarbeit mit interprofessionellen Fachpersonen aus der Palliativmedizin, zum Beispiel Pflegepersonen und Psycholog*innen, um sowohl fachliche Korrektheit als auch eine sensible Darstellung zu gewährleisten“, ergänzt Masel.

Das Echo war durchwegs positiv. „Von Patient*innenseite und von An- und Zugehörigen wurde die Broschüre überwiegend als entlastend und gut verständlich wahrgenommen“, so die Leiterin der Palliativmedizin. „Rückmeldungen zeigen, dass die bildhafte Erzählform hilft, schwierige Themen wie Aufenthalt auf der Palliativstation, Lebensende, Symptomlinderung oder Kommunikation mit An- und Zugehörigen leichter anzusprechen.“ Auch Ärzt*innen und Pflegekräfte schätzen das Format als Gesprächsanlass im klinischen Alltag. Gleichzeitig gebe es vereinzelt Vorbehalte gegenüber der vermeintlich „vereinfachenden“ Form des Comics; diese relativierten sich jedoch meist, sobald die inhaltliche Tiefe und die respektvolle Darstellung deutlich werden.

Mehr Informationen:

https://www.uni-augsburg.de/de/campusleben/neuigkeiten/2025/11/20/mit-kunst-die-arztliche-wahrnehmung-schulen/

https://innere-med-1.meduniwien.ac.at/fileadmin/content/OE/innere-med-1/dokumente/Palliativ/PalliativeCareComicGermanVersion.pdf

Quelle: Wien Klin Wochenschr (2025) 137:325–334, https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/, © A. Kitta, S. Winsauer, S. Marx et al. 2025

Titelbild (c) MedUni Wien

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