
Überalterung, Nachwuchsmangel und steigende Arbeitsbelastung gefährden die pathologische Versorgung in Österreich – mit potenziell weitreichenden Folgen für das gesamte Gesundheitssystem.
Text: Birgit Kofler
Die Zahlen zeigen einen klaren Trend: Von den derzeit österreichweit 365 Fachärzt*innen für Klinische Pathologie und Molekularpathologie sind 62 (17 Prozent) zwischen 60 und 65 Jahre alt, weitere 60 (16,4 Prozent) bereits über 65. Der Altersschnitt liegt bei rund 53 Jahren, der Anteil der 25- bis 45-Jährigen stagniert. „Wir werden in den kommenden zehn Jahren nicht nur eine große Zahl an Expertinnen und Experten verlieren, sondern es wird auch viel Expertise verloren gehen, die zum Teil unwiederbringlich sein wird“, warnt OMR Dr. Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Er appellierte an Verantwortliche in Politik, Kassen und Universitäten, gemeinsam mit der Ärzteschaft an einer Attraktivierung des Berufsbildes zu arbeiten. Sollte sich die Knappheit weiter zuspitzen, wäre der gesamte Spitalsbetrieb gefährdet, so Steinhart. Da viele Maßnahmen, vor allem in der Ausbildung, erst in zehn oder mehr Jahren Resultate zeigten, werde das Zeitfenster für eine Kurskorrektur bald geschlossen sein.
Die Pathologie ist ein Dreh- und Schlüsselfach im Hinblick auf Diagnosen. Statt der Obduktion von Leichen stehen für Pathologinnen und Pathologen Früherkennung, Diagnostik, gezielte Therapien und Therapiekontrollen im Fokus. Gerade in der Onkologie sind Pathologinnen und Pathologen von zentraler Bedeutung. Bei der Auswahl der Chemotherapie könnte es gravierende Auswirkungen auf Patientinnen und Patienten haben, wenn individuelle Therapieplanung und Verträglichkeit zu kurz kommen.
Nicht nur aus der Onkologie, sondern aus der gesamten modernen Medizin sei die Pathologie nicht wegzudenken, sagt Univ.-Prof.in Dr.in Eva Maria Compérat, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie (ÖGPath) und Professorin für Urologische Pathologie an der MedUni Wien. Nachwuchs für dieses spannende Aufgabengebiet zu finden sei für die gesamte Versorgung extrem wichtig: „Die Pathologie muss sicht- und hörbarer und generell attraktiver als Berufsbild werden, damit sich junge Kolleginnen und Kollegen, besonders die klinisch-diagnostisch Interessierten, wieder für dieses Fach begeistern“, sagt Compérat. Ein großes Problem sei aktuell die steigende Arbeitsbelastung, nicht nur durch den Fachkräftemangel, sondern auch durch die Entwicklungen bei Früherkennung und Bildgebung. „Für den aktuellen Aufwand brauchen wir zumindest ein Drittel mehr Pathologinnen und Pathologen – für eine gewisse Zukunftssicherheit vor allem im Nachwuchsbereich.“
Wer sich für die Pathologie entscheide, entscheide sich für einen abwechslungsreiche und hochinteressante Aufgabe. „Pathologinnen und Pathologen sind Teamplayer. Die Herstellung von Objektträgern oder Zusatzleistungen wie molekularpathologische oder mikrobiologische Untersuchungen brauchen perfektes Zusammenspiel. In den Tumorboards zählt die Abstimmung mit Chirurgie, Onkologie und Radiologie, um die optimale Therapie für die Patientinnen und Patienten zu finden“, so Compérat.
Bei Vorsorgeuntersuchungen wie Kolonoskopien oder Mammographien ist die Analyse der Pathologinnen und Pathologen mit hochauflösenden Licht- und digitalen Mikroskopen und Scannern zentral, mit denen Schnitte in Tausendstel-Millimeter-Dicke untersucht werden. Dabei kann die Pathologie auch von den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz profitieren. „Algorithmen können große Datenmengen in kurzer Zeit verarbeiten, Muster erkennen und so bei Analyse und Diagnostik unterstützen, erhöhen aber auf der anderen Seite den Ressourceneinsatz: Qualifiziertes Personal, Technik, Speicher – all das muss gewährleistet und finanziert werden“, gibt Compérat zu bedenken.
Foto: Titelbild Eva Maria Compérat, Johannes Steinhart © ÖÄK/Thomas Jantzen