
Das Innsbrucker Healthy-Minds-Projekt schafft Bewusstsein für psychische Erkrankungen von Eltern. Aktuell mit einer Kunstinstallation.
Text: Karin Lehner
„Solange du meine Depression übersiehst, weil du Babyblues hörst, bin ich Feminist*in.“ Der Slogan, in pinkem Tüll von Hand in ein 540 Quadratmeter großes Baustellennetz gestickt, ziert im Zuge der thermischen Sanierung die Nordfassade des Chirurgie-Gebäudes der Innsbrucker Universitätskliniken. Es soll zum Nachdenken anregen und macht auf Verstimmungen oder Erkrankungen aufmerksam, die leider immer noch ein Tabu sind: Babyblues und Depressionen, die Eltern in der Zeit rund um die Geburt ihres Kindes entwickeln können.
Dafür Bewusstsein zu schaffen und Stigmata zu beseitigen, ist auch das Ziel des vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten „Healthy Minds“-Projekts, das hinter der Kunstidee steht. Es ist seit 2022 an der Universitätsklinik für Psychiatrie I der Medizinischen Universität Innsbruck angesiedelt. Ass.-Prof. in Dr. in Jean Paul ist Initiatorin und Leiterin des Wissenschafts-Zirkels, der sich um Versorgungsstrukturen kümmert.
„Anlaufstellen sollen besser miteinander vernetzt werden, sodass psychisch belastete Eltern früh von Unterstützungsangeboten erfahren und sie niederschwellig in Anspruch nehmen können.“ Ein Anliegen ist etwa die Einrichtung von Eltern-Kind-Betten in psychiatrischen Kliniken und Etablierung von Home-Treatments, also aufsuchenden Diensten.
Bis zu 80 Prozent aller Frauen erleben nach der Geburt den sogenannten Babyblues. Auslöser sind hormonelle Veränderungen, Stress oder Schlafmangel. Die Symptome ähneln einer depressiven Verstimmung und können belastend sein. Doch die Stimmungsschwankungen vergehen nach ein paar Tagen, spätestens zwei Wochen wieder von alleine und brauchen keine Therapie.
Die peripartale Depression tritt hingegen in der Schwangerschaft bis zu einem Jahr nach der Geburt auf. Jede fünfte Frau erkrankt daran. Zu den Ursachen zählen Überlastung, Komplikationen bei Schwangerschaft oder Geburt, eine bereits durchlebte psychische Erkrankung, jene von Partner*innen oder finanzielle Zwänge.
Priv.-Doz. in Dr. in Christine Hörtnagl ist Leiterin der Spezialsprechstunde peripartale psychische Gesundheit an der Klinik. Hier erhalten betroffene Eltern ohne Überweisung eine Erstdiagnostik, ärztliche und psychologische Behandlung sowie Beratung zu geeigneter Medikation in der Schwangerschaft und Stillzeit. „Wenn depressive Symptome nach einigen Tagen nicht von selbst wieder vergehen, ist es wichtig, dass betroffene Eltern frühzeitigen Zugang zu professioneller therapeutischer Unterstützung erhalten.“

Die Verschleppung einer Depression oder Angststörung kann massive gesundheitliche Folgen haben.
Priv.-Doz. in Dr. in Christine Hörtnagl
Bei leichten bis mittelschweren Erkrankungen wird zu Psychotherapie und Unterstützung durch (familiäre) Haushaltshilfen oder Sozialarbeiter*innen geraten. Bei schwereren Krankheitsformen zu Psychotherapie und Psychopharmaka. „Leider haben viele Frauen Angst vor Letzteren, obwohl es mittlerweile gut untersuche Präparate gibt, die gegeben werden können, ohne das Baby zu gefährden“, beruhigt Hörtnagl.
Sie rät zur raschen Behandlung. Leider schrecken Hausärzt*innen oft vor der Gabe von Psychopharmaka zurück und Verkennen die Symptome einer Depression als schwangerschafts-assoziiert oder Erschöpfung nach der Geburt. „Die Verschleppung einer Depression oder Angststörung kann massive gesundheitliche Folgen haben“, warnt die Psychiaterin. „Das kann sogar in Richtung Suizid- oder Kindstötungsgedanken gehen.“ Wie eine britische Studie zeigt, hat die rechtzeitige Therapie sogar finanzielle Vorteile für das Gesundheitssystem. Es ist 25-mal günstiger als die Begleichung von Folgekosten, etwa ein Jobausfall betroffener Eltern oder die Erkrankung des Kindes. „Durch die gestörte Bindung kann es ebenfalls psychische Erkrankungen entwickeln.“
Wie Studien zeigen, können auch Männer durch die Vaterrolle eine hormonelle Umstellung erleben, also eine Babyblues-Symptomatik, Angststörung oder Depression entwickeln. An Letzterer erkrankt jeder Zehnte zwischen der Schwangerschaft der Frau und dem ersten Geburtstag des Kindes. „In unsere Sprechstunde kommen Männer, wenn die Frau bereits strauchelt und viel Arbeit auf den Papa übergeht, der durch den Job nun eine Doppelbelastung hat“, erklärt Hörtnagl.
Auch der öffentliche Druck, dass nach der Geburt alles perfekt sein muss und Mama wie Papa überglücklich sind, lastet schwer auf Jungeltern. Besonders verzerrend sind die inszenierten Bilder von Influencer*innen auf Social Media. „Hier wollen perfekt und entspannt aussehende Mütter und Väter glauben machen, dass das Leben mit einem Baby ein Kinderspiel ist“, weiß die Psychiaterin aus der Praxis. „Ein gefährlicher Irrtum, der gutgläubige Follower*innen krank machen kann.“ In Realität hingegen „weinen viele betroffene Frauen erschöpft unter der Dusche“.
Die 34. Installation der internationalen SOLANGE-Serie will enttabuisieren, zum Nachdenken und Gespräch anregen. Umgesetzt wurde sie von der Tiroler Künstlerin Katharina Cibulka. An der Entwicklung des Slogans waren die Öffentlichkeit, Mitarbeiter*innen der tirol kliniken und Med Uni Innsbruck beteiligt. So konnte Cibulkas Team aus rund 350 Einreichungen auswählen und schließlich den Satz kreieren. „Als zweifache Mutter ist es mir ein großes Anliegen, dass alle Gefühle Platz bekommen, wenn es um das Kinderkriegen geht.“
Fotos: Titelbild - Von links: Theresa Geley (Gesundheitsdirektorin, Land Tirol), Thomas Klestil (Medizinischer Geschäftsführer, tirol kliniken), Katharina Cibulka (Künstlerin), Healthy Minds- Projektleiterin Jean Paul, Patrizia Stoitzner (Vizerektorin für Forschung und Internationales, Med Uni Innsbruck), Abteilungsleiter Roland Meixner (Abt. Bau und Technik, tirol kliniken), Christine Hörtnagl (Leiterin der Sprechstunde für Peripartale psychische Gesundheit); alle Bilder: MUI/Florian Lechner