Sophie Leonhard © WU Executive Academy
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Primärversorgung auf dem Prüfstand

Gesundheitspolitik
Versorgung

Primärversorgungseinheiten sollen die wohnortnahe Patient*innenbetreuung stärken und Spitalsambulanzen entlasten. Die Effekte dieser Einrichtungen sind aber komplexer als häufig angenommen, zeigt eine statistische Analyse.

Text: Rosi Dorudi

Der Ausbau der Primärversorgung zählt zu den wichtigsten gesundheitspolitischen Reformvorhaben der vergangenen Jahre. Die Idee: Wer rasch ein wohnortnahes medizinisches Angebot nutzen kann, soll seltener eine Spitalsambulanz aufsuchen. Primärversorgungseinheiten (PVE) gelten dabei als zentrale Steuerungsinstrumente. Ob sich dieser gewünschte Entlastungseffekt tatsächlich beobachten lässt, untersuchte Sophie Leonhart, strategische Beraterin im Gesundheitswesen mit Schwerpunkt ärztliche Organisationsformen und Health Care Management, im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Keine Entlastung erkennbar

Grundlage der Analyse waren knapp 10.000 Patient*innenkontakte im interdisziplinären Aufnahmebereich des Universitätsklinikums Wiener Neustadt. Leonhart stellte dabei die Jahre 2023 und 2024 gegenüber und untersuchte damit die Entwicklung vor und nach der Eröffnung einer rund zwei Kilometer entfernten PVE. Das Ergebnis fiel anders aus als vielfach erwartet: „Eine Entlastung im Interdisziplinären Aufnahmebereich lässt sich anhand der Daten nicht nachweisen“, so Leonhart. Im Gegenteil: Die Fallzahlen stiegen im Beobachtungszeitraum von 2023 auf 2024 um 32,2 Prozent an. Besonders auffällig war die zeitliche Verteilung der Besuche. „Vor allem abends, nachts und am Wochenende verzeichnete ich ein höheres Patient*innenaufkommen“, berichtet sie.

Die Daten aus Wiener Neustadt legen nahe, dass zusätzliche Versorgungsangebote nicht automatisch zu einer Entlastung von Spitalsambulanzen führen. Welche Wirkung sie tatsächlich entfalten, hängt offenbar von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab.

Entlastung ist kein Selbstläufer

Jurgen Willems, Universitätsprofessor für Public Management & Governance sowie wissenschaftlicher Leiter des Executive MBA Health Care Management an der WU Executive Academy, sieht in Leonharts Arbeit einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Weiterentwicklung der Primärversorgung. Die Ergebnisse, die im April beim Hospital Management Forum in Wien vor mehr als 300 Fachleuten präsentiert wurden, hätten eine lebhafte Diskussion ausgelöst, erzählt er. Für ihn zeigen die Befunde weniger die Grenzen von Primärversorgungseinheiten als vielmehr die Herausforderungen ihrer Integration in bestehende Versorgungsstrukturen. „PVE sind in der Tat gute Initiativen. Ähnliche Konzepte gibt es auch in anderen Ländern, und sie zeigen gute Ergebnisse“, sagt er. Ihre Einrichtung sei jedoch nur ein erster Schritt. Darüber hinaus brauche es einen kulturellen und administrativen Wandel sowie geeignete Anreizsysteme, um sie wirksam in das Gesundheitssystem zu integrieren.

Auch Leonhart warnt vor vorschnellen Schlüssen. „Wer aus den Ergebnissen ableitet, Primärversorgungseinheiten würden ihre Funktion nicht erfüllen, greift zu kurz“, sagt die Forscherin, die Arztpraxen, Gruppenpraxen und Primärversorgungseinheiten in Fragen der Strategie, Organisationsentwicklung und Unternehmensführung berät. „Wir haben es hier mit komplexen Versorgungssystemen zu tun. Und komplexe Systeme reagieren nicht linear.“

Gleichzeitig verweist sie auf eine wichtige Einschränkung ihrer Analyse: Die Datenauswertung basiere ausschließlich auf Routinedaten der Spitalsambulanz und bilde damit nur eine Seite der Versorgung ab. Daten aus der PVE selbst standen nicht zur Verfügung. „Damit bleibt offen, wie viele Patient*innen dort tatsächlich behandelt wurden und ob auf Systemebene Verlagerungseffekte stattgefunden haben. Hierzu bräuchte es sektorenübergreifend verknüpfbare Versorgungsdaten“, so Leonhart, die genau darin auch eine grundsätzliche Herausforderung sieht.

Jurgen Willems (c) Claudia Müllner

PVE sind gute Initiativen. Ähnliche Konzepte gibt es auch in anderen Ländern, und sie zeigen gute Ergebnisse. Ihre Einrichtung ist jedoch nur ein erster Schritt.

Univ.-Prof. Dr. Jurgen Willems

Universitätsprofessor für Public Management & Governance sowie wissenschaftlicher Leiter des Executive MBA Health Care Management an der WU Executive Academy

Denn weniger das Fehlen einzelner Daten sei problematisch als vielmehr der Umstand, dass vollständige Patient*innenwege über Versorgungsgrenzen hinweg derzeit nur eingeschränkt nachvollziehbar sind. Aufgrund der sektoralen Trennung und fehlender verknüpfbarer Datenbestände lassen sich viele gesundheitspolitische Fragestellungen nur eingeschränkt beantworten. Solange Krankenhäuser und niedergelassener Bereich weitgehend getrennte Datenwelten bilden, bleibt die Bewertung vieler Reformmaßnahmen lückenhaft.

Auch Willems sieht in der eingeschränkten Verfügbarkeit sektorenübergreifender Daten eine Herausforderung. Für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems seien belastbare Daten und deren Auswertung unverzichtbar. Gleichzeitig brauche es eine Kultur, die Evaluation stärker als Chance zur Verbesserung verstehe.

Patient*innenverhalten als entscheidender Faktor

Ein weiterer Befund der Untersuchung verdient besondere Aufmerksamkeit: Die Selbstzuweiserquote blieb unverändert hoch. Rund 80 Prozent der Patient*innen kamen weiterhin ohne ärztliche Überweisung direkt in die Spitalsambulanz. Für Leonhart ist das wenig überraschend. Menschen orientieren sich aus ihrer Sicht nicht primär an gesundheitspolitischen Versorgungskonzepten, sondern häufig an subjektiver Dringlichkeit, wahrgenommener Verfügbarkeit und Erreichbarkeit medizinischer Leistungen. Diese Faktoren spielen bei der Interpretation der Ergebnisse eine wesentliche Rolle.

„Viele orientieren sich am Best Point of Access und nicht am Best Point of Service“, sagt sie. Entscheidend sei für Betroffene häufig nicht, welche Einrichtung aus Sicht des Gesundheitssystems die geeignetste wäre. Maßgeblich sei vielmehr, wo rasch und unkompliziert Hilfe erreichbar erscheine – insbesondere dann, wenn Unsicherheit über die Schwere der Beschwerden besteht.

Hinzu komme, dass Primärversorgungseinheiten in Österreich noch vergleichsweise junge Strukturen seien. „Hier stellt sich die Frage, wie gut die Bevölkerung überhaupt weiß, welche Leistungen ein Primärversorgungszentrum im eigenen Einzugsgebiet anbietet und für welche Anliegen es genutzt werden kann“, gibt Leonhart zu bedenken. Die Bekanntheit und das Verständnis der jeweiligen Leistungsangebote könnten daher Einfluss auf die Inanspruchnahme haben.

Mehr Angebot bedeutet nicht automatisch Verlagerung

Auch aus gesundheitsökonomischer Perspektive ließen sich die Ergebnisse einordnen, sagt Leonhart. Zusätzliche Versorgungsangebote führten nicht zwangsläufig dazu, dass bestehende Angebote weniger genutzt würden. Vielmehr könne dadurch die Gesamtnachfrage steigen. Ob ein solcher angebotsinduzierter Nachfrageeffekt im konkreten Fall tatsächlich wirksam gewesen sei, lasse sich auf Basis der vorliegenden Daten nicht abschließend beurteilen. Die Ergebnisse sprächen jedoch gegen die Annahme, dass Patient*innen einfach von der Spitalsambulanz in die Primärversorgung abgewandert seien. Stattdessen deute die Entwicklung darauf hin, dass zusätzliche Angebote bislang ungedeckte Bedarfe sichtbar machen oder neue Formen der Inanspruchnahme erzeugen könnten. Eine automatische Entlastung der Spitalsambulanzen lasse sich daraus jedenfalls nicht ableiten.

Für die Gesundheitspolitik liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise: Der Ausbau der Primärversorgung allein führt nicht zwangsläufig zu einer Entlastung von Spitalsambulanzen. Vielmehr hängt die Wirkung neuer Versorgungsangebote von zahlreichen Rahmenbedingungen ab. „Es braucht Integration, Datenaustausch und passende Anreizsysteme“, so Leonhart. Ebenso wichtig seien eine stärkere Vernetzung der Versorgungsebenen sowie eine klare Kommunikation über die Aufgaben und Möglichkeiten von Primärversorgungseinheiten.

Für Willems liefert die Analyse wichtige Impulse für die Diskussion über die Weiterentwicklung der Primärversorgung und zeigt, welchen Beitrag wissenschaftliche Untersuchungen zur Bewertung gesundheitspolitischer Maßnahmen leisten können.

Die Untersuchung aus Wiener Neustadt machte deutlich: Neue Versorgungsstrukturen entfalten ihre Wirkung nicht allein durch ihre Existenz. Ob sie Patient*innenströme tatsächlich verändern und Spitalsambulanzen entlasten, hängt wesentlich davon ab, wie gut sie in das bestehende Gesundheitssystem eingebunden sind.

Fotos: Titelbild Sophie Leonhard © Sabrina Mynarik Photography; Expertenporträt Jurgen Willems © Claudia Müllner

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