
Die ganzheitliche, psychische Betreuung von Krebspatient*innen spielt eine entscheidende Rolle in der onkologischen Therapie, denn sie kann die Lebensqualität Betroffener entscheidend verbessern. Fachkräfte benötigen dafür gezielte psychosoziale und vor allem kommunikative Kompetenzen.
Text: Birgit Weilguni
„Die psychosoziale Gesundheit spielt eine immens wichtige Rolle in der onkologischen Therapie“, betont OA Priv.-Doz. Dr. Markus Hutterer, stellvertretender Ärztlicher Direktor im Krankenhaus Barmherzige Brüder in Linz, Neurologe, Psychoonkologe und Leiter der Ambulanz für Neuroonkologie und Neuropalliative Care. Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO) beleuchtete im Rahmen eines Colloquiums der Gesundheit Österreich GmbH zur ganzheitlichen Betreuung für Krebspatient*innen insbesondere die zentrale Rolle der psychischen Betreuung Betroffener in Abhängigkeit von ihrer Erkrankungsphase.
Relevant sei dabei nicht nur die Patient*innenperspektive, sondern auch jene der Behandelnden, denn es brauche eine umfassende Ausbildung und vor allem kompetente Kommunikation, um mit Krebs umgehen zu können. Hutterer: „Der Kern der Psychoonkologie ist mit Sicherheit Kommunikation – nicht nur patientenzentrierte Kommunikation, sondern auch Kommunikation im Kontext der Patientin oder des Patienten und des Teams.“
Psychoonkologische Kompetenzen werden zunehmend relevant, da immer mehr Menschen fünf, zehn Jahre und darüber hinaus nach oder mit Krebs leben. „Inzidenz und Mortalität sinken zunehmend, aber die Prävalenz steigt“, so Hutterer. Es erkranken und sterben also weniger Menschen an Krebs, aber die Gesamtzahl der an Krebs Erkrankten zu einem bestimmten Zeitpunkt steigt. Vor allem Nachsorge in Form von „Cancer Survivorship Care“ und „Chronic Cancer Care“ haben einen besonderen Stellenwert – mit entscheidenden Auswirkungen auf die Psychoonkologie.
Die Diagnose Krebs bedeute für die meisten Menschen neben dem Beginn einer Therapie und Krankheitsbewältigung zunächst ein Gefühl des „freien Falls“, so Hutterer: „Sie ist ein kritisches Lebensereignis, ein Eingriff in den persönlichen Zeitrhythmus.“ Die Emotionen und der Schock sind extrem, doch auch im Bereich der Kognition zeigen sich Auswirkungen auf Denken und Handeln. Denkmuster verändern sich, die Diagnose bildet eine Zäsur zwischen der Zeit davor und jener danach. Das Ziel ist nun die Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses und einer neuen Sicherheit – mithilfe von Kommunikation und psychosozialer Kompetenz.
„Jeder, der mit Krebspatient*innen arbeitet, sollte sich gewisse psychosoziale Kompetenzen angeeignet haben“, folgert Hutterer. Im Umgang mit der emotionalen Belastung gilt es, Gefühle zuzulassen, Informationen zu suchen und Orientierung zu geben, Unterstützung anzunehmen und den Fokus zu verlagern. Psychoonkologie bedeutet, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören und in Beziehung zur Patientin oder zum Patienten zu gehen: mit Beratung, Begleitung, Krisenintervention, Psychoedukation, klinischer Psychologie, Psychotherapie und psychoonkologischer Intervention.
Psychoonkologie ist eine Begleitung in allen Phasen der Erkrankung: in der Akutphase mit Erstdiagnose, Therapie und Nachsorge und in der chronischen Erkrankungsphase mit potenziellem Rezidiv und Palliativphase. Dabei geht es nicht nur um die Patient*innen, sondern auch um ihre An- und Zugehörigen, betont Hutterer.
Psychoonkologie sieht er auch als psychosoziale Onkologie, also eine interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen von der Pflege über Ärzt*innen bis zur Seelsorge. Zentrale Aufgaben sind Information, Beratung, Diagnostik, Behandlung, Unterstützung der Krankheitsverarbeitung und die Verbesserung von Folgeproblemen und Belastungen. Psychoonkologische Interventionen reichen von der psychosozialen Beratung und Begleitung, der Psychoedukation und psychotherapeutischen Interventionen über E-Health-Interventionen, Entspannungs- und imaginative Verfahren bis zu künstlerischen Therapien. Dafür braucht es entsprechende Qualitätssicherung im Hinblick auf Struktur, Prozesse und Ergebnisse: personell, räumlich, aber auch zeitlich.
Als Ausbildung bietet sich der Lehrgang in Psychoonkologie an sowie das Fortbildungscurriculum Psychoonkologie – mit jeweils unterschiedlichen Zielgruppen. Mithilfe von Profischauspieler*innen werden Gespräche trainiert, die neben Information auch Zufriedenheit, Adhärenz oder Lebensqualität fokussieren. Im Fokus entsprechender Qualitätsindikatoren steht die patientenzentrierte Kommunikation, die zwar Fachwissen bedingt, aber zusätzlich Emotionen miteinbezieht. Sie deckt Fach- und Patientenperspektive ab, berücksichtigt und verbindet die beiden Perspektiven und stellt ein gemeinsames Verständnis her.
Grundlage der patientenzentrierten Kommunikation ist das bio-psychosoziale Modell, das neben psychologischen und sozialen Faktoren auch Umweltfaktoren, biologische Faktoren und Faktoren wie Raum und Zeit inkludiert. Diese Art der Kommunikation verbessert die Behandlungsqualität, steigert die Lebensqualität und stärkt die therapeutische Beziehung. „Die therapeutische Haltung ist eine feinfühlige, achtsam-empathische, offen-akzeptierende, nicht vermeidende und professionell-präsente Grundhaltung“, so Hutterer. Empathie, also aktives Zuhören, steht dabei im Fokus. „Empathie bedeutet, mit den Augen des anderen zu sehen, mit den Ohren des anderen zu hören und mit dem Herzen des anderen zu fühlen.“ Wertschätzendes Interesse, inhaltliches und emotionales Verständnis machen das Grundprinzip aktiven Zuhörens aus.
Die psychische Widerstandskraft äußert sich in Form der Resilienz, die dem Stress entgegenwirkt. Jede*r Betroffene legt dafür ihre*seine eigenen Coping-Strategien an den Tag, um mit dem Druck umzugehen. „Die Symptome wirken dabei nicht isoliert, sondern als Cluster“, betont Hutterer. Coping-Strategien können problemorientiert, emotionsorientiert, bewertungsorientiert oder adaptiv sein – abhängig von den verfügbaren Ressourcen der Person. In der Psychoonkologie wird versucht, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, um mithilfe des Copings die Resilienz zu stärken.

Empathie bedeutet, mit den Augen des anderen zu sehen, mit den Ohren des anderen zu hören und mit dem Herzen des anderen zu fühlen.
OA Priv.-Doz. Dr. Markus Hutterer, stellvertretender Ärztlicher Direktor im Krankenhaus Barmherzige Brüder in Linz, Leiter der Ambulanz für Neuroonkologie und Neuropalliative Care und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO)
Die Kommunikation im Kontext der Betroffenen wird dabei auf ein interdisziplinäres Fundament gestellt, das den Wir-Faktor stärkt und den Team-Charakter hervorhebt. Im Gegensatz zur multidisziplinären Kommunikation wird nicht das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, sondern ein gemeinsames, integriertes Problemverständnis entwickelt.
Zu den Herausforderungen der psychoonkologischen Betreuung gehören die zunehmend ambulante Behandlung von Krebspatient*innen, die vermehrt einer ambulanten psychoonkologischen Betreuung bedürfen. Neben der krankheitsspezifischen Therapie nimmt auch die supportive Therapie einen zentralen Stellenwert ein: Sie besteht aus Primärprophylaxe, Prähabilitation, onkologischer Therapie und Krebsnachsorge sowie Sekundärprophylaxe. Erst wenn die onkologische Therapie abgeschlossen ist, hat die oder der Betroffene Anspruch auf Rehabilitation als Teil der Nachsorge. Nützlich wäre eine Nutzung der Psychoonkologie schon davor, in der Prähabilitation und während der onkologischen Therapie – mit sehr positiven Effekten auf Lebensqualität, Mobilität, Autonomie, Therapieadhärenz, aber auch Pflegebedürftigkeit und auf die Kosten für das Gesundheitssystem.
„Bedürfnisse bleiben in unserem Versorgungssystem oft auf der Strecke“, so Hutterer. Technische Präzision wird häufig über menschliche Präsenz gestellt. Gefordert wird daher ein Umdenken: Onkologische Innovation und Präsenzmedizin müssen durch psychosoziale Kompetenz ergänzt werden, denn sie ist ebenso zentral für eine hochwertige onkologische Versorgung.
Fotos: Titelbild (c) Freepik; Expertenfoto © Barmherzige Brüder Linz