Jenny Wortha mit Navel (c) Sophie Keller - Klinikum Frankfurt (Oder) GmbH
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Robotik in der Pflege

Versorgung
Innovation & Forschung
International

Der Pflegenotstand spitzt sich zu: Die Gesellschaft altert, die Pflegekräfte werden knapper. Soziale Roboter sollen die Lücke schließen. Doch funktioniert das in der Praxis?

Text: Rosi Dorudi

Der digitale Wandel hat die Pflege längst erreicht. Elektronische Patient*innenakten, KI-gestützte Diagnostik und vernetzte Medizingeräte sind in vielen Spitälern bereits Alltag. Nun drängt die nächste digitale Innovation in die Stationen: soziale Roboter, die nicht nur Daten verarbeiten, sondern mit Menschen interagieren – zuhören, reagieren, begleiten.

Ein konkretes Beispiel ist der Sozial-Roboter „Navel“. Rund 70 Zentimeter groß, acht Kilogramm schwer und mit einer charakteristischen Mütze ausgestattet, wurde er von Navel Robotics entwickelt, um die Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen zu verbessern. Seit 2024 ist „Navel“ im Klinikum Frankfurt (Oder) im Einsatz. Initiiert wurde das Projekt von Dr. in Jenny Wortha, die bei Asklepios, einer der größten privaten Klinikgruppen Deutschlands, in koordinierender Funktion für Pflegestrategie, Innovation, Qualität und Organisationsentwicklung verantwortlich ist. „Navel ist mehr als ein technisches Gerät“, erzählt Jenny Wortha. „Er ist ein Gesprächspartner, der dank künstlicher Intelligenz versteht, was sein Gegenüber braucht.“

Der kleine Roboter hört zu, stellt Fragen, merkt sich Namen und reagiert auf Emotionen. Seine Augen folgen dem Blick der Patient*innen, der Mund formt sich zu einem Lächeln, der Kopf nickt verständnisvoll. Er kann aufmuntern, trösten oder einfach nur da sein – mit Eigenschaften, die im hektischen Pflegealltag oft fehlen: Geduld, Aufmerksamkeit und eine konstante Freundlichkeit ohne Erschöpfung oder Bewertung. „Der größte Mehrwert von Navel liegt eindeutig in der Kommunikation, denn er bringt Patient*innen miteinander ins Gespräch“, ergänzt Wortha. Wo zuvor viele für sich blieben, entstehen heute Begegnungen: Es wird gelacht, Gedichte werden gehört, einfache Übungen gemeinsam gemacht. Erste Auswertungen zeigten bereits eine spürbare Verbesserung des Wohlbefindens der Pflegebedürftigen während ihres stationären Aufenthalts.

Jenny Wortha (c) Sophie Keller - Klinikum Frankfurt (Oder) GmbH

Navel ist ein Gesprächspartner, der dank künstlicher Intelligenz versteht, was sein Gegenüber braucht.

Dr. in Jenny Wortha

Pflegedirektorin am Klinikum Frankfurt (Oder)

Ergänzung statt Ersatz

Ganz ohne Vorbehalte verlief der Start jedoch nicht. „Gerade im Pflege- und Ärzt*innenteam bestand anfangs viel Skepsis – nach dem Motto: Ein Roboter soll jetzt unsere Aufgaben übernehmen?“, erinnert sich Wortha. Diese Sorge habe sich aber rasch gelegt. „Für uns ist klar: Navel ist ein Add-on zur menschlichen Zuwendung – kein Ersatz.“ Zwar gebe es noch keine spürbare Entlastung für das Personal, da der Einsatz nach wie vor bewusst eng begleitet werde. Erste Effekte seien dennoch sichtbar: Wenn Navel mehrere Patient*innen im Gemeinschaftsraum beschäftigt, können Pflegekräfte dokumentieren und Pflegeplanungen erstellen, ohne die Situation aus dem Blick zu verlieren.

Zudem entwickle sich die Technologie stetig weiter. „Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit den Entwicklern – Navel kann heute schon deutlich mehr als zu Beginn.“ Der Fokus bleibe jedoch klar auf sozialer Interaktion. Technische Assistenz wie Sturzprävention oder Notrufsysteme seien bewusst nicht Teil des Konzepts. „Dafür haben wir eigene KI-Systeme im Einsatz“, so Wortha. „Pflegeroboter können noch keine Stürze in Echtzeit verhindern oder Menschen physisch stützen. Sie ersetzen noch keine helfende Hand“, betont sie. Möglich sei jedoch ein intelligentes Monitoring: Sensoren erkennen Risikosituationen – etwa ungewöhnlich langes Verweilen im Bad – und informieren das Personal. „Die Erkennung sturzgefährdenden Verhaltens ist jedoch technisch hochkomplex. Fehlalarme, begrenzte WLAN-Abdeckungen und eingeschränkte Beweglichkeit zeigen, dass wir hier noch am Anfang stehen.“

Vom geriatrischen Alltag in die Kinderstation

Was als Pilotprojekt für ältere Patient*innen begann, öffnet inzwischen neue Einsatzfelder. Navel ist längst nicht mehr nur im geriatrischen Bereich präsent, sondern begleitet auch Kinder auf Station. Dort zeigt sich eine ganz andere, aber ebenso eindrucksvolle Wirkung: „Gerade Volksschulkinder und Teenager*innen reagieren extrem positiv auf ihn“, berichtet Wortha.

Der kleine Roboter wird zum spielerischen Gesprächspartner, lenkt von Schmerzen und Unsicherheit ab und hilft, angespannte Situationen aufzulösen. Lachen ersetzt Angst, Neugier verdrängt Anspannung. Diese emotional stabilisierende Wirkung beobachtet das Team auch bei Menschen mit Demenz. Vertraute Gespräche, wiederkehrende Rituale und die konstante Präsenz des Roboters können Orientierung geben und Unruhe reduzieren – allerdings nur im Rahmen eng begleiteter, wissenschaftlich evaluierter Anwendungen. „Gerade in sensiblen Bereichen braucht es Zeit, Erfahrung und klare ethische Leitlinien“, betont Wortha.

Zwischen strukturellen Hürden und großen Erwartungen

So vielversprechend die Erfahrungen auch sind – der Weg zur breiten Einführung sozialer Robotik bleibt herausfordernd. Hohe Investitionskosten, fehlende Refinanzierungsmodelle und eine oft unzureichende digitale Infrastruktur bremsen viele Einrichtungen aus. „Ohne stabiles WLAN und solide technische Grundlagen funktioniert keine dieser Anwendungen“, macht Wortha deutlich.

Hinzu kommt eine Ernüchterung beim Thema Nachwuchsgewinnung. Die Hoffnung, moderne Technologie könne den Pflegeberuf für junge Menschen attraktiver machen, habe sich bislang kaum erfüllt. „Überraschenderweise sind es vor allem erfahrene Pflegekräfte, die großes Interesse zeigen“, sagt sie. Für sie bedeute die Arbeit mit neuen Systemen fachliche Weiterentwicklung und neue Gestaltungsmöglichkeiten im Berufsalltag.

Trotz aller Hürden bleibt Wortha überzeugt: Soziale Robotik wird ein fester Bestandteil der Pflegezukunft sein. „Sie wird keine Schichten ersetzen, und das soll sie auch nicht. Aber sie kann dort unterstützen, wo Zeit fehlt, und vor allem eines ermöglichen: mehr menschliche Momente im Klinikalltag.“

Fotos: Titelbild und Expertenbild (c) Sophie Keller - Klinikum Frankfurt (Oder) GmbH

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