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Schweizer Modell für Spitzenmedizin

Versorgung
Gesundheitsberufe

Die Schweiz hat mit der hochspezialisierten Medizin ein System, das seltene und komplexe Eingriffe an wenigen ausgewählten Zentren bündelt. Im INGO-Gespräch erklärt Projektleiter Matthias Fügi, welche Vorteile dies für Qualität und Versorgung bringt.

Text: Rosi Dorudi

Wenn es um hochkomplexe Eingriffe wie Organtransplantationen, schwere Verbrennungen oder seltene pädiatrische Erkrankungen geht, setzt die Schweiz seit Jahren auf klare Strukturen. Unter dem Begriff „hochspezialisierte Medizin" (HSM) werden jene Leistungen zusammengefasst, die aufgrund ihrer Seltenheit und Komplexität, ihres Innovationspotenzials oder des hohen technischen und personellen Aufwands nicht an jedem Krankenhaus angeboten werden, sondern nur in ausgewählten Zentren.

„Im Bereich der hochspezialisierten Medizin gibt es seit 2009 eine gesamtschweizerische, von allen Kantonen gemeinsam getragene Planung“, erklärt Matthias Fügi, Projektleiter HSM bei der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK. Alle 26 Kantone seien der entsprechenden Vereinbarung beigetreten. Anstelle vieler einzelner Planungen gibt es damit eine gemeinsame, von allen Kantonen getragene Regelung. Welche Krankenhäuser hochspezialisierte Leistungen anbieten dürfen, entscheidet ein nationales Beschlussorgan aus zehn kantonalen Gesundheitsdirektor*innen – gestützt auf die Empfehlungen eines 15-köpfigen Expert*innengremiums – mit dem Resultat einer landesweit verbindlichen Krankenhausliste.

Bessere Versorgungsqualität

Ziel des Systems war von Beginn an eine bessere Versorgungsqualität. „Das Bundesparlament hat die Kantone beauftragt, für den Bereich der hochspezialisierten Medizin eine gemeinsame gesamtschweizerische Planung vorzunehmen“, so Fügi. Dadurch sollten die Qualität und die Effizienz der Leistungserbringung gesteigert und Doppelgleisigkeit beseitigt werden. Tatsächlich gilt in der Medizin seit langem: Je häufiger komplexe Eingriffe durchgeführt werden, desto besser sind meist die Ergebnisse. Genau darauf baut das Schweizer Modell auf. „Bei Behandlungen im Bereich der HSM wird die Qualität erhöht, wenn sie auf wenige Zentren mit genügend hohen Fallzahlen konzentriert werden“, betont er. Die größere Erfahrung erhöhe Expertise und Behandlungsqualität. „Dies kommt letztlich den Patient*innen zugute.“

Um diese Qualität sicherzustellen, gelten für die HSM-Zentren strenge Vorgaben. Mindestfallzahlen, definierte Struktur- und Prozessqualitätskriterien sowie ein laufendes Qualitätsmonitoring gehören mittlerweile zum Standard. Zusätzlich werde kontrolliert, ob Krankenhäuser ohne entsprechenden Leistungsauftrag dennoch HSM-Leistungen erbringen.

Noch fehlen jedoch belastbare Langzeitdaten über konkrete Outcome-Verbesserungen. „Eine quantitative Beurteilung der Auswirkungen der HSM-Leistungszuteilung auf die Kosten und die Qualität der Leistungserbringung ist derzeit noch nicht möglich“, sagt Fügi. Die Beobachtungszeiträume seien dafür noch zu kurz. Dennoch wurden inzwischen wichtige Grundlagen geschaffen: Qualitätsregister, standardisierte Dokumentationen und die systematische Erfassung der Leistungen in Klassifikationssystemen wie CHOP und ICD ermöglichen zunehmend eine fundierte Evaluation.

Transparentes Verfahren

Auch organisatorisch habe sich das System etabliert. „Für die hochspezialisierte Medizin konnte in den vergangenen Jahren eine Konzentration und schweizweite Koordination in mehreren Bereichen erreicht werden“, konstatiert Fügi. Das Verfahren sei transparent und mehrfach vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt worden – auch der Bundesrat sieht die Kantone bei der HSM-Planung auf dem richtigen Weg. Herausforderungen gibt es dennoch.

Vor allem nicht berücksichtigte Krankenhäuser wehren sich häufig juristisch gegen Entscheidungen. „Diese Verfahren haben eine aufschiebende Wirkung und ziehen sich häufig über mehrere Jahre hin“, erläutert der Projektleiter. Für kleinere und periphere Krankenhäuser bedeutet das HSM-Modell keineswegs das Aus. Zwar würden hochspezialisierte Eingriffe überwiegend an Universitäts- und großen Zentrumskrankenhäusern erbracht werden, die wohnortnahe Grundversorgung bleibe aber weiterhin Aufgabe regionaler Häuser. „Die Grundversorgung erfolgt außerhalb der HSM und weiterhin wohnortnah“, betont Fügi. Zudem könnten auch kleinere Spezialkliniken Leistungsaufträge erhalten, sofern sie die Qualitätsanforderungen erfüllen. Wichtig sei außerdem, dass Vor- und Nachbehandlungen häufig weiterhin regional stattfinden können.

Damit bleibt die Zusammenarbeit zwischen Zentrumskrankenhäusern und peripheren Häusern ein wesentlicher Bestandteil des Systems. Auch für Länder außerhalb der Schweiz könnte das Modell interessant sein. In Österreich existieren zwar Kompetenzzentren, ein vergleichbares eigenständiges HSM-System fehlt jedoch bislang. Fügi hält einen Blick über die Grenze für lohnenswert: „Vielleicht finden sich Elemente, die übernommen werden könnten.“

Foto: Expertenporträt Matthias Fügi © Adrian Moser

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