
Nicht-klinische Dienste und Aktivitäten tragen oft zu Gesundheit und Wohlbefinden bei. Mittels Social Prescribing können diese evidenzbasierten Maßnahmen in der Primärversorgung vermittelt werden.
Text: Birgit Weilguni
„Social Prescribing verbindet Patient*innen mit gesundheitsrelevanten psychosozialen und emotionalen Bedürfnissen in der Primärversorgung auf strukturierte Weise mit regionalen Angeboten. Diese liegen insbesondere außerhalb des medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Angebotsspektrums und sollen Gesundheit, Wohlbefinden und soziale Teilhabe fördern“, erklärt Mag. a Dr. in Daniela Rojatz, Senior Health Expert der Gesundheit Österreich GmbH. Seit 2021 sollen Förderprogramme den Ansatz des Social Prescribing aus - und aufbauen.
Social Prescribing und andere ähnliche Ansätze gibt es mittlerweile in mehr als 30 Ländern. Die Erfahrungen sind durchwegs positiv. Ursprünglich stammt der Ansatz aus Großbritannien, wo er heute im Gesundheitssystem fest verankert ist.
Social Prescribing ist offen für alle Personengruppen, da jede Person – von der Universitätsprofessorin bis zum alleinerziehenden Vater – im Lauf des Lebens gesundheitsrelevante psychosoziale und emotionale Anliegen haben kann. Priorisiert werden unter anderem Menschen, die einen unspezifischen Bedarf außerhalb des medizinisch-therapeutisch-pflegerischen Leistungsspektrums haben, zum Beispiel wenn sich Hinweise auf Überforderung zeigen. Aber auch Menschen, die sich einsam fühlen, oder sich in belastenden Lebenssituationen befinden, zum Beispiel aufgrund chronischer Erkrankungen.
Auch jüngere Menschen können von Social Prescribing profitieren, bestätigt Rojatz: „Wir haben auf Basis der Implementierungserfahrungen während der Corona-Pandemie den Bedarf auch bei Kindern und Jugendlichen identifiziert und den darauf folgenden Fördercall auch für pädiatrische Einrichtungen geöffnet. Gerade junge Menschen können profitieren, wenn sie zum Beispiel wenige soziale Kontakte haben oder sich zurückziehen.“ Social Prescribing könne hier unterstützen, indem es Kinder und Jugendliche an passende Angebote wie Sport- oder Freizeitgruppen oder kreative Aktivitäten vermittelt.

Wenn bei einer Patientin oder einem Patienten ein Bedarf an Social Prescribing erkannt wird, können die Gesundheits- oder Sozialberufe in der Primärversorgung niederschwellig weitervermitteln.
Mag. a Dr. in Daniela Rojatz
Wie so oft im heimischen Gesundheitssystem findet sich ein Stolperstein in der Finanzierung. „Social Prescribing befindet sich noch in der Aufbauphase und ist noch nicht Teil der regulären Finanzierung im Gesundheitssystem“, so Rojatz. „Im Rahmen von Fördercalls erhalten Einrichtungen seit 2021 gezielt Mittel, um Social Prescribing in ihrer Einrichtung auf - und auszubauen. Ziel ist es, auf Basis dieser Erfahrungen ein einheitliches Modell mit lokalen Adaptionsmöglichkeiten zu entwickeln und eine mögliche längerfristige Verankerung im Gesundheitssystem vorzubereiten.“ Die Expertin sieht im Ansatz eine Win-win-Situation für Patient*innen, Primärversorgung und regionale Angebote. Nachteile seien keine bekannt.
Das Konzept klingt komplex, wird jedoch im Alltag auf einfache Weise vermittelt, um Betroffenen die Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Motiven zu ersparen. „In der Praxis ist es nicht notwendig, das Konzept umfassend einzuführen oder Begriffe wie Social Prescribing oder Link Working zu verwenden“, bestätigt die Expertin. „Wenn bei einer Patientin oder einem Patienten ein Bedarf an Social Prescribing erkannt wird, können die Gesundheits- oder Sozialberufe in der Primärversorgung niederschwellig weitervermitteln – etwa an eine Kollegin, an eine Gesundheitssprechstunde oder Ähnliches. Oft reicht es, einfach zu sagen: "Da gibt es ein Angebot, das Ihnen in Ihrer Situation helfen könnte – möchten Sie sich das anschauen?"
Die bisherigen Erfahrungen mit der Implementierung von Social Prescribing sind durchwegs positiv. „Das Konzept kann in kurzer Zeit in Einrichtungen der Primär- und pädiatrischen Versorgung umgesetzt werden“, sagt Rojatz. „Die Patient*innen sind sehr zufrieden und würden Social Prescribing weiterempfehlen. Viele berichten, dass sich durch die Unterstützung vor allem ihre psychische Gesundheit verbessert hat und sie im Alltag wieder mehr Stabilität und Orientierung finden. Auch im Bereich der Gesundheitsförderung zeigen sich positive Veränderungen.“
Die Benefits des Ansatzes liegen auf der Hand: Social Prescribing steigert Wohlbefinden und soziale Teilhabe von Patient*innen und entlastet Ärzt*innen. „Einzelne internationale Publikationen berichten auch von Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem, wobei die Vergleichbarkeit der Studienergebnisse nicht immer einfach ist. Zudem verbessert sich die Zusammenarbeit von Primärversorgung und regionalen Angeboten, an die im Rahmen von Social Prescribing weitervermittelt wird“, fasst die Expertin zusammen.
Für interessiertes Gesundheitspersonal, das eine Umsetzung im niedergelassenen Bereich anpeilt, gibt es auch eine Ausbildung. „Im Rahmen der Fördercalls und des Begleitprozesses durch die Gesundheit Österreich erfolgt eine Schulung für Fachkräfte mit Link-Working-Funktion. Ein Trainingsangebot zu Social Prescribing über die Plattform Primärversorgung ist in Entwicklung“, erklärt Rojatz. „Bis es so weit ist, gibt es ein Literaturstudium – für Ärzt*innen mit DFP-Punkten hinterlegt – als erste Hinführung zum Thema.“
https://jasmin.goeg.at/id/eprint/4888/
https://socialprescribingacademy.org.uk/media/thtjrirn/social-prescribing-around-the-world-2024.pdf
Fotos: Titelbild © Freepik ; Expertinnenporträt Daniela Rojatz © Ettl