
Dass Österreich auf Pflegepersonal aus dem Ausland angewiesen ist, liegt angesichts der personellen Engpässe auf der Hand. Ohne Deutsch geht es nicht. Wie Pflegekräfte die Sprache lernen und wer ihnen dabei hilft.
Text: Birgit Weilguni
Viele Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen in Österreich setzen angesichts knapper personeller Ressourcen auf die Rekrutierung von Pflegekräften im Ausland, insbesondere in Drittstaaten. Arbeitswillige aus anderen Ländern zu finden ist dabei die eine Sache – die andere sind die erforderlichen Arbeitsbewilligungen und Sprachkenntnisse.
„Grundsätzlich besteht seit 2011 der heutige Rechtsrahmen, der qualifizierten Fach- und Schlüsselkräften aus Drittstaaten den langfristigen Zuzug nach Österreich mittels Rot-Weiß-Rot-Karte, einer kombinierten Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung, ermöglicht“, erklärt Silvia Wendl-Perfler vom Sozialministerium. „Außerdem wurde im Oktober 2023 ein ‚Memorandum of Understanding on Recruitment of Professionals and Skilled Workers‘ – für Fach- und Schlüsselkräfte allgemein, nicht fokussiert auf Pflegekräfte – mit den Philippinen abgeschlossen, 2024 und 2025 folgten ähnliche MoUs mit Indonesien und Brasilien“, so Philipp Kindl, ebenfalls im Sozialministerium tätig.
„Zudem wurde 2023 das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz unter anderem dahingehend novelliert, dass Pflegekräfte mit im Ausland absolvierter Ausbildung noch vor Abschluss aller vorgeschriebenen Ergänzungskurse bereits im niederschwelligeren Beruf bzw. unter Aufsicht – befristet auf zwei Jahre – in Österreich tätig werden dürfen“, erklärt Wendl-Perfler. Auch die Rot-Weiß-Rot-Karte (RWR-Karte) kann für diesen Personenkreis bereits ab bedingtem Nostrifikationsbescheid erteilt werden, sofern alle sonstigen arbeitsmarktrechtlichen und fremdenrechtlichen Voraussetzungen erfüllt werden.
Aus Sicht des Ministeriums zeigen die gesetzten Maßnahmen Wirkung. 2024 wurden mit 1.228 positiven Rot-Weiß-Rot-Karten-Gutachten mehr als doppelt so viele ausgestellt wie 2023 (547). Auch 2025 erhöhte sich die Zahl der positiven Gutachten in Pflegeberufen noch einmal auf 1.388. Und für 2026 werde zumindest dieses Niveau erwartet, so die Expert*innen aus dem Sozialministerium.
Da Pflegeberufe in Österreich reglementierte Gesundheitsberufe sind, müssen Personen mit im Ausland erworbenen Qualifikationen vor der Berufsausübung ein Anerkennungsverfahren durchlaufen. Für Abschlüsse aus EU-/EWR-Staaten und der Schweiz erfolgt die Anerkennung nach den Vorgaben der europäischen Berufsanerkennungsrichtlinie 2005/36/EG. „Für Qualifikationen aus Drittstaaten ist je nach Berufsgruppe eine Nostrifikation bzw. Nostrifizierung erforderlich. Dabei wird geprüft, ob die absolvierte Ausbildung mit der österreichischen Referenzausbildung gleichwertig ist“, erklärt Kindl. „Werden wesentliche Unterschiede festgestellt, sind Ausgleichsmaßnahmen, etwa Ergänzungsausbildungen oder Prüfungen, zu absolvieren. Nach erfolgreichem Abschluss dieser Maßnahmen wird die Gleichwertigkeit festgestellt und die Berufsqualifikation anerkannt.“ Voraussetzung für die Ausübung eines Pflegeberufs ist darüber hinaus die Eintragung in das Gesundheitsberuferegister.
Deutschkenntnisse sind freilich für die Ausübung eines Pflegeberufs von zentraler Bedeutung, Pflegekräfte müssen mit Patient*innen, Angehörigen und Kolleg*innen kommunizieren können. Auch für Dokumentationspflichten, die Aufklärung von Patient*innen oder die Verabreichung von Medikamenten sind Sprachkenntnisse erforderlich. Zudem werden Sprachnachweise für die Eintragung in das Gesundheitsberuferegister gefordert: Sprachniveau B1 für Pflege(fach)assistenz und B2 für den diplomierten Pflegedienst.
„Wir legen in den Vinzenz Kliniken Wien ganz generell Wert auf einen kommunikativen Umgang mit unseren Patient*innen, daher sind uns gute Sprachkenntnisse bei ausländischen Pflegekräften wichtig“, betont Dr. Pierre Saffarnia, Leiter der Kommunikation der Vinzenz Kliniken Wien und des Orthopädischen Spitals Speising. Bislang gab es in der Klinikgruppe lediglich ein Projekt, in dem der Spracherwerb tatsächlich ein Thema war: Es wurden Pflegekräfte aus Tunesien rekrutiert. Der Nachweis über Deutschkenntnisse erfolgte hier durch offizielle Sprachzertifikate von anerkannten Ausbildungsstätten wie dem Goethe-Institut. Besteht ein weiterer Bedarf an Perfektionierung der Sprachkenntnisse, werden „die Pflegepersonen selbstverständlich unterstützt und gefördert, ihre Sprachkenntnisse durch Kurse auszubauen“, sagt Saffarnia.
Mag.a Barbara Zsivkovits von der Landesholding Burgenland GmbH schlägt in dieselbe Kerbe: „Sprachkenntnisse spielen eine wichtige Rolle. Eine Beschäftigung ohne ausreichende Deutschkenntnisse ist grundsätzlich nicht möglich.“ Alleingelassen werden ausländische Pflegekräfte nicht: „Ein Mentoring in den ersten Wochen und Monaten mit einer festen Ansprechperson und Begleitung sorgt zusätzlich für eine gute fachliche und persönliche Integration ins Team“, so Zsivkovits.
Auch im Wiener Gesundheitsverbund gelten ausreichende Deutschkenntnisse für den Arbeitsalltag in der Pflege als wesentlich, wie Lisa Neumaier, BA, von der Generaldirektion des Wiener Gesundheitsverbundes betont. „Pflegekräfte müssen medizinische Informationen verstehen und weitergeben, pflegerische Maßnahmen dokumentieren und mit Patient*innen, Angehörigen und Kolleg*innen kommunizieren können. Entsprechende Sprachkenntnisse sind daher bereits eine Voraussetzung für die Berufsausübung.“ Mit dem Programm „Professionell Deutsch“ bietet der Wiener Gesundheitsverbund seinen Mitarbeiter*innen ein kostenloses Sprachförderangebot von A1 bis C1. „Die Kurse finden grundsätzlich in Präsenz, am Dienstort und während der Dienstzeit statt. Ergänzend werden je nach Rahmenbedingungen auch Blended- und Online-Kurse angeboten. Inhaltlich können Schwerpunkte gesetzt werden, etwa auf schriftliche Kommunikation, berufsspezifische Fachsprache oder den Umgang mit Dialekt in der Patient*innen-Kommunikation. So können Mitarbeiter*innen ihre Deutschkenntnisse gezielt für den Berufsalltag weiterentwickeln“, erklärt Neumaier die Details.
„Für Pflegekräfte mit einer im Ausland erworbenen Qualifikation spielen Sprachkenntnisse zudem eine wichtige Rolle im Anerkennungsverfahren für das Absolvieren von allfälligen Ausgleichsmaßnahmen sowie für den Erwerb der Rot-Weiß-Rot-Karte, wo Sprachkenntnisse meist für das Erreichen der erforderlichen Mindestpunkte im Punktesystem erforderlich sind“, ergänzt Kindl. Der Nachweis erfolge üblicherweise durch anerkannte Sprachzertifikate, beispielsweise des Österreichischen Sprachdiploms Deutsch (ÖSD), des Goethe-Instituts oder anderer anerkannter Prüfungsanbieter, so Wendl-Perfler.
Doch nicht nur Zertifikate weisen die Sprachkenntnisse nach. „Auch das Vorstellungsgespräch liefert wichtige Hinweise bezüglich sprachlicher Eignung“, sagt Zsivkovits. Die Kolleg*innen seien zudem bemüht, dem neuen Pflegepersonal zu helfen: „Wir helfen nach dem Motto ‚sprechen, sprechen, sprechen‘. Sowohl dienstliche als auch private Gespräche tragen in hohem Ausmaß dazu bei, die Sprachkenntnisse zu verbessern“, so Zsivkovits. „Seitens der Führungskräfte und des Teams wird versucht, den ausländischen Pflegekräften die Scheu vor der neuen Sprache zu nehmen und Mut zuzusprechen. Bei Unklarheiten können auch Handy-Apps zum Einsatz kommen. Neben der Sprache spielen auch Kultur und Werte eine maßgebliche Rolle, daher ist es wichtig, die neuen Pflegekräfte für kulturelle, gesellschaftliche und regionale Besonderheiten zu sensibilisieren. Auch der Umgang mit regionalen Dialekten muss geübt werden.“
Titelbild (c) Magnific

Tabelle Bundesländer

Tabelle Herkunftsländer