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Gesundheitscheck in Selbstbedienung

Versorgung
International

In Frankreich mehren sich Telemedizin-Boxen, in den USA Gesundheits-Kioske zum Health-Check in Eigenregie. Auch eine Lösung für Österreich?

Text: Karin Lehner

Von außen sieht „La Box Médicale“ wie ein gewöhnlicher Baucontainer aus, von innen wie eine gut ausgestattete Ärzt*innen-Praxis. Allerdings mit dem Unterschied, dass Patient*innen hier Stethoskop, Blutdruckmessgerät und Ohrenspiegel selbst benutzen müssen. Jedoch unter Aufsicht von Ärzt*innen, die per Webcam zugeschaltet sind. Die Medizin-Box ist Frankreichs Reaktion auf den flächendeckenden Versorgungsmangel in punkto Haus-Ärzt*innen. Bis 2028 sollen 1.000 Container im ganzen Land installiert sein.

Ein ähnliches System existiert in den USA mit Health-Kiosken. Bei den interaktiven Stationen in Shopping-Malls, Unternehmen oder auf Bahnhöfen können Gesundheitsscreenings in Eigenregie durchgeführt werden. Hier werden Blutdruck und Herzfrequenz gemessen und der BMI bestimmt. Manche Stationen messen sogar Blutzucker und Cholesterol. Eine Video-Sprechstunde mit medizinischen Personal ist auch hier bei Bedarf möglich.

KI statt Medizinpersonal

In Italien herrscht aufgrund des Ärzt*innen-Mangels in manchen Regionen ebenfalls bereits die Boxen-Medizin, weiß Prof. Dr. Dietmar Bayer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin (ÖGTelemed) sowie Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin. „Hier werden Vitalfunktionen wie der Blutdruck selbst gemessen. Das EKG erfolgt in der Apotheke. Und der Befund kommt aus Rom. Ohne Kontakt zu medizinischem Fachpersonal keine wünschenswerte Entwicklung.“

China ersetzt in medizinischen Selbstbedienungs-Containern Ärzt*innen bereits durch Künstliche Intelligenz (KI). Auch in Deutschland wurden kürzlich Holzboxen mit gefilterter Luft vorgestellt, in denen KI-Systeme Patient*innen über Monitore in die Augen schauen und auf diese Weise den Blutdruck messen. „Dabei lautete ursprünglich das Credo, dass Telemedizin medizinisches Fachpersonal nicht ersetzen darf. Doch genau das passiert gerade“, kritisiert Bayer. Kraft seiner Funktion ist er ein Befürworter der Telemedizin, allerdings unter Aufsicht von Ärzt*innen. „Ohne Kontakt zu medizinischem Fachpersonal ist das Parallelmedizin aus der Retorte. Damit gehen wir in eine dystopische Zukunft. Frankenstein lässt grüßen.“

Digital-Health-Sorgenkind Österreich

JDabei ist Telemedizin keine Innovation. Sie wird in Österreich seit der Erfindung der Telefonie praktiziert. Dennoch liegt die Alpenrepublik im Digital-Health-Index nur im Mittelfeld, auf Platz 10 von 17 Ländern, also hinter Vorreitern wie Estland, Kanada oder Isreal. Doch daran sind nicht technikresistente Patient*innen schuld, sondern Überregulierungen durch die Politik. „Viele meiner betagten Patient*innen haben Smartwatches und Smartphones“, erklärt der Psychiater mit Landpraxis in der Südsteiermark. „Das Problem sind unsinnige Regularien.“ So dürfe nur die Apple-Watch Kammerflimmern feststellen, weil sie als Medizinprodukt gelistet ist. Garmin könne das technisch zwar auch, besitze aber die Zulassung nicht. Doch es hake auch an der Integration der Systeme in die Ärzt*innen-Software.

Bayer nutzt KI mittlerweile bei der Anamnese, also zur Aufzeichnung und Transkription von Gesprächen mit Patient*innen. „Die Systeme sind mittlerweile so gut, dass sie mit hoher Treff-Sicherheit bereits an der Stimme erkennen, ob jemand an einer Depression, Verstimmung oder Angespanntheit leidet.“ Dennoch dürfe die Diagnose niemals von Dr. KI kommen, sondern nur von Ärzt*innen. „Wir müssen die Richtigkeit der Daten überprüfen, Ergebnisse überwachen und bewerten sowie die Diagnose verantworten.“

Dietmar Bayer (c) privat

Ohne Ärzt*innen sind Medizin-Boxen Parallelmedizin aus der Retorte. Damit gehen wir in eine dystopische Zukunft.

Prof. Dr. Dietmar Bayer

Präsident der ÖGTelemed

Vorreiter in punkto telemedizinischer Primärversorgung sind die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. So werden im dünn besiedelten Schweden mittlerweile rund elf Prozent der medizinischen Konsultationen mithilfe von Telemedizin abgewickelt und Patient*innen nur bei Bedarf persönlich einbestellt. In Norwegen fanden am Höhepunkt der Covid-19-Pandemie mehr als 40 Prozent der ambulanten Kontakte telemedizinisch statt. Und dänische Hausärzt*innen nutzen zu 98 Prozent elektronische Patient*innen-Akten und übermitteln 99 Prozent der Verschreibungen sowie 97 Prozent der Überweisungen elektronisch an Apotheken oder Spezialist*innen.

Österreich hat hier großen Aufholbedarf, auch wenn Projekte wie HerzMobil in die richtige Richtung gehen. Beim Versorgungsprogramm für Patient*innen mit Herzschwäche zeichnen Letztere durch Selbstmonitoring-Systeme gesundheitsrelevante Daten in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung auf und stellen sie Ärzt*innen zur Beurteilung zur Verfügung. Doch für eine breite Ausrollung dieser Systeme braucht es laut Bayer flächendeckende Digitalisierung „Leider stecken Politik und Gesundheitskassen noch im analogen Zeitalter fest.“ In der Praxis sei das eine „Verschwendung der Mangelressource Arzt oder Ärztin“, weil Letztere mit unsinnigen Routinetätigkeiten blockiert sind, die längst von KI übernommen werden könnten. Statt Boxen zum Gesundheitscheck in Selbst-bedienung braucht es laut Bayer Strukturen für die bessere Integration von Telemedizin, „damit Ärzt*innen endlich wieder genug Zeit für ihre Patient*innen haben“.

Fotos: Titelbild (c) La Box Médical; Expertenbild Dietmar Bayer (c) privat

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