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Transidentität bei Jugendlichen

Versorgung
Gesundheitsberufe

Wenn Jugendliche ihre Geschlechtsidentität hinterfragen, durchlaufen sie einen differenzierten diagnostischen Prozess. Expert*innen erklären, warum dieser vielschichtiger ist als öffentliche Debatten nahelegen.

Text: Rosi Dorudi

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter einem inneren Konflikt mit ihrem biologischen Geschlecht. Fachleute sprechen von Geschlechtsdysphorie – einem Zustand, der Betroffene psychisch stark belasten kann. Doch wie lässt sich der Anstieg transidenter Jugendlicher erklären? Ist es ein Phänomen sozialer Medien – oder Ausdruck einer offeneren Gesellschaft? Die Psychotherapeutin Mag.a Veronika Riedl-Schlauss sieht dafür mehrere Faktoren: „Jugendliche sind heute viel besser informiert. Sie finden online Räume, in denen sie auf Gleichgesinnte treffen und ihre Gefühle einordnen können. Gleichzeitig ist das Thema aus der Tabuzone herausgetreten – und mit dieser Sichtbarkeit ist auch die gesellschaftliche Akzeptanz gewachsen.“ Riedl-Schlauss kennt die Situation Betroffener aus ihrer täglichen Arbeit. Sie leitet das Wiener Beratungszentrum „Unterwegs“, eine zentrale Anlaufstelle für inter- und transgeschlechtliche Menschen sowie deren Familien.

Priv.-Doz. Dr. Stefan Riedl ist medizinischer Berater von „Unterwegs“ und Leiter der Ambulanz für Varianten der Geschlechtsentwicklung am Wiener AKH. Er ordnet die Zahlen folgendermaßen ein: „Studien schätzen, dass etwa ein bis drei Prozent der Jugendlichen sich heute als trans* oder nicht geschlechtskonform identifizieren. Dieser sichtbare Anstieg wird unter anderem auf erweiterte Definitionen und veränderte Erhebungsmethoden zurückgeführt – allerdings nicht auf medizinisch erhobene Daten. Betrachtet man diese, liegen die Werte deutlich niedriger, etwa bei einem Zehntel. Die tatsächliche Häufigkeit ist daher schwer zu erfassen.“

Veronika Riedl-Schlauss

Jugendliche sind heute viel besser informiert. Sie finden online Räume, in denen sie auf Gleichgesinnte treffen und ihre Gefühle einordnen können.

Mag.a Veronika Riedl-Schlauss

Psychotherapeutin

Geschlechtsidentität im Familienalltag

Unabhängig von statistischen Unsicherheiten sind Fragen rund um Geschlechtsidentität für viele Familien jedoch längst Realität. „Transidentität zeigt sich oft schon im Kindesalter“, erklärt Riedl-Schlauss. „Zu uns kommen Eltern mit Kindergartenkindern ebenso wie Jugendliche, die sich selbst beraten lassen möchten. Manchmal sind es auch Großeltern, die wissen wollen, wie sie ihre Enkelkinder am besten unterstützen können.“

Während Beratungsstellen wie „Unterwegs“ häufig den ersten Kontakt darstellen, liegt der Fokus in der klinisch-psychologischen Versorgung auf Diagnostik und Beratung. Dr.in Diana Klinger, klinische Psychologin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien, leitet gemeinsam mit Riedl das interdisziplinäre Board zur Geschlechtsinkongruenz am Comprehensive Center for Pediatrics (CCP) und arbeitet ebenfalls eng mit „Unterwegs“ zusammen. In ihrer Sprechstunde für Geschlechtsidentität erlebt sie eine große Bandbreite: „Zu uns kommen Menschen aus sehr unterschiedlichen Situationen. Bei jüngeren Kindern suchen oft zunächst die Eltern Rat – häufig nicht, weil das Kind selbst leidet, sondern weil die Eltern verunsichert sind. Etwa dann, wenn ihr Kind Verhaltensweisen zeigt oder Wünsche äußert, die nicht den gängigen Geschlechtererwartungen entsprechen.“ Bei anderen entwickelt sich eine Geschlechtsdysphorie erst in der Pubertät. „Die Verläufe sind sehr unterschiedlich. Ob eine Geschlechtsinkongruenz dauerhaft besteht, lässt sich meist erst im Verlauf der Pubertät beurteilen.“

Der Weg zur Klarheit

Bevor medizinische Schritte gesetzt werden, stehen ausführliche Gespräche, psychotherapeutische Begleitung und diagnostische Abklärungen im Vordergrund. „Im Zentrum steht für uns die interdisziplinäre Zusammenarbeit“, betont Klinger. „Unsere Expertinnen und Experten arbeiten gemeinsam mit den Jugendlichen und ihren Familien daran, Identität, individuellen Leidensdruck sowie mögliche Einflussfaktoren sorgfältig zu verstehen und einzuordnen.“ Bleibt das Bedürfnis nach einer medizinischen Transition bestehen, können – je nach Alter und strenger Indikationsstellung – im nächsten Schritt Pubertätsblocker eingesetzt werden, erklärt Stefan Riedl, der als Endokrinologe auf Kinder und Jugendliche spezialisiert ist. „Sie setzen bestimmte pubertäre Entwicklungsschritte vorübergehend aus.“ Pubertätshemmende Hormone können bei Transbuben das Brustwachstum hemmen, bei Transmädchen bleibt etwa der Stimmbruch aus. Wird die Pubertät früh blockiert, kann dies eine Druckentlastung und Zeitgewinn bedeuten: „Im positiven Fall können sich Betroffene in dieser Phase – psychotherapeutisch begleitet – weiter mit ihrer Geschlechtsidentität auseinandersetzen. Denn gerade in der Adoleszenz verändert sich die Selbsteinschätzung und wird von verschiedenen Faktoren stark beeinflusst.“

Die Wirkung der Pubertätsblocker ist zudem – auf rein körperlicher Ebene betrachtet – reversibel. Werden die Hormone abgesetzt, nimmt der hormonelle Regelkreis seine Funktion wieder auf, die Pubertätsentwicklung schreitet weiter voran. Ab 16 Jahren können – nach sorgfältiger individueller Abwägung – geschlechtsangleichende Hormone folgen. Diese feminisierenden oder maskulinisierenden Hormone fördern körperliche Merkmale, die der Geschlechtsidentität entsprechen, etwa Brustentwicklung bei transfemininen Personen oder Stimmvertiefung bei transmaskulinen Jugendlichen. „Solche Behandlungen werden erst nach eindeutiger Diagnose eingeleitet, da sie teilweise irreversible körperliche Veränderungen bewirken“, betont Riedl.

Insgesamt handelt es sich häufiger um Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren, die die Pubertät bereits durchlaufen haben, als um jüngere Jugendliche, bei denen sie gerade erst beginnt und noch keine nach außen klar wahrnehmbaren pubertären Veränderungen – wie etwa der Stimmbruch – stattgefunden haben. Auch bei diesen älteren Jugendlichen werden Pubertätsblocker eingesetzt, um die unerwünschte Hormonwirkung zu stoppen. Bereits eingetretene Pubertätsveränderungen können dadurch jedoch nicht rückgängig gemacht werden.

Diana Klinger (c) Med Uni Wien

Die Verläufe sind sehr unterschiedlich. Ob eine Geschlechtsinkongruenz dauerhaft besteht, lässt sich meist erst im Verlauf der Pubertät beurteilen.

Dr.in Diana Klinger

Klinische Psychologin, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien, Interdisziplinäres Board zur Geschlechtsinkongruenz am Comprehensive Center for Pediatrics (CCP) der MedUni Wien

Rechtliche Regelungen und häufige Missverständnisse

Rechtlich ist für eine Hormontherapie bei Minderjährigen die Zustimmung der Eltern bzw. aller Obsorgeberechtigten erforderlich. Geschlechtsangleichende Genitaloperationen hingegen sind in Österreich wie auch international laut Leitlinien grundsätzlich erst ab 18 Jahren vorgesehen. Einzelne Eingriffe, etwa eine Mastektomie, können in begründeten Ausnahmefällen früher erfolgen. Anders ist die Situation bei intergeschlechtlichen Jugendlichen – also Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung, deren Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig männlich oder weiblich sind. Hier können operative Eingriffe ab Einwilligungsfähigkeit, etwa ab 14 Jahren, vorgenommen werden, sofern sie medizinisch indiziert und rechtlich abgesichert sind. „Das ist ein wesentlicher Punkt, der häufig missverstanden wird“, sagt Riedl-Schlauss. „Ich wünsche mir mehr Klarheit über den Unterschied zwischen trans- und intergeschlechtlichen Menschen – vor allem mit Blick auf die politische Debatte um sogenannte Konversionsmaßnahmen, die erhebliche rechtliche und therapeutische Abgrenzungsfragen aufwirft.“

Stefan Riedl (c) privat

Die Debatten erwecken den Eindruck, als seien medizinische Maßnahmen für transidente Jugendliche in Österreich leicht zugänglich. Das ist keineswegs der Fall.

Priv.-Doz. Dr. Stefan Riedl

Medizinischer Berater der Beratungsstelle „Unterwegs“ und Leiter der Ambulanz für Varianten der Geschlechtsentwicklung, AKH Wien

Die Debatte um Konversionsmaßnahmen

Besonders emotional und politisch aufgeladen ist derzeit die Debatte um sogenannte Konversionsmaßnahmen. Im vergangenen Juni brachte die Forderung der Grünen nach einem Verbot solcher Maßnahmen das Thema auf die politische Agenda. Zwischenzeitlich war von einem Gesetzesentwurf mit hohen Strafandrohungen die Rede, was später relativiert wurde. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und Psycholog*innen künftig rechtliche Konsequenzen für ihre Beratungstätigkeit befürchten müssen.

„Hier vermischen sich sehr unterschiedliche Aspekte“, sagt Riedl-Schlauss. „In der Psychotherapie geht es weder um ein Abraten noch um ein Zuraten, sondern um einen gemeinsamen Prozess mit den Klientinnen und Klienten, um Klarheit zu gewinnen. Häufig liegen hinter den geschilderten Befindlichkeiten andere Themen.“

Auch Riedl sieht im geplanten Gesetz rechtliche Graubereiche und warnt vor einer zu einseitig affirmativen Auslegung. Aus seiner Sicht werde versucht, eine Regelung „von der Medizin enthoben“ durchzusetzen, obwohl therapeutische Prozesse notwendigerweise Interpretationsspielräume benötigen. „Die entscheidende Frage ist, ab wann eine neutrale Beratung als Konversion gilt: Darf eine Therapeutin oder ein Therapeut das bei der Geburt zugewiesene und das empfundene Geschlecht noch hinterfragen, um alle Aspekte eines inneren Konflikts zu beleuchten?“ Klinger warnt zudem vor einem verzerrten öffentlichen Bild: „Die Debatten erwecken den Eindruck, als seien medizinische Maßnahmen für transidente Jugendliche in Österreich leicht zugänglich. Das ist keineswegs der Fall. Medial wird kaum vermittelt, wie differenziert dieser Prozess ist und wie viele Fachdisziplinen eingebunden sind, bevor etwa eine Hormontherapie überhaupt bewilligt wird.“

Riedl-Schlauss fordert in diesem Zusammenhang klare fachliche Richtlinien sowie einen stärkeren Fokus auf Ausbildung und Sensibilisierung qualifizierter Fachkräfte – von Kinder- und Jugendpsycholog*innen und -therapeut*innen bis hin zu Kinderendokrinolog*innen. „Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft besser aufgeklärt sind und nicht ständig in polarisierende Debatten kippen.“ Riedl ergänzt: „Immer wieder melden sich auch Menschen zu Wort, die mit der Thematik in ihrem unmittelbaren Umfeld oder Wirkungsfeld nichts zu tun haben, deren Stimmen aber politisch sehr wirksam sind – und genau das wirkt sich am Ende negativ auf transidente Menschen aus.“

Klinger betont abschließend, dass im Zentrum aller Diskussionen stehen müsse, Jugendlichen in einer sensiblen Entwicklungsphase evidenzbasiert, verantwortungsvoll und interdisziplinär zu begegnen, um sie in der Findung ihres individuellen Weges bestmöglich zu unterstützen.

Fotos: Titelbild (c) Freepik; Expertenbilder: Veronika Riedl-Schlauss (c) profifotos.at; Diana Klinger (c) MedUni Wien; Stefan Riedl (c) privat

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