Thomas Schweiger (c) BHS-Wien Marcus Deak
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Tabletten-Blister aus dem Automaten

Versorgung
Innovation & Forschung

Das Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien führte als erstes Spital der Bundeshauptstadt die autotomatisierte Verblisterung von Medikamenten ein. Jetzt folgt der weitere Rollout in den Vinzenz Kliniken Wien.

Text: Karin Lehner

Das Auspacken und Vorbereiten von Tabletten für Spitals-Patient*innen in Tagesdispenser verschlingt viel Zeit von Pflegepersonen, die sie besser für direkte Patient*innen-Versorgung nutzen könnten. Also führte die Apotheke im Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien im Rahmen des „Closed Loop Medication Managements“ die Verblisterung durch eine Maschine ein. Kernstück ist der Blister-Automat, der die einzelnen Säckchen patient*innenspezifisch mit Name, Geburtsdatum, Zeitpunkt und Datum der Verabreichung, Einnahmehinweis, Tablettenzahl, Bezeichnung, Stärke sowie Wirkstoff des Arzneimittels verpackt und versieht.

Mag. Thomas Schweiger ist Leiter der Spitalsapotheke und versorgt mit seinem Team die fünf Vinzenz Kliniken Wien mit Arzneimitteln. „Weil bei uns nun ein Blister-Automat Tabletten individuell für Patient*innen verpackt, entlasten wir unsere Pflegefachkräfte zeitlich, reduzieren ihren Stresslevel und erhöhen gleichzeitig auch die Sicherheit für Patient*innen.“ Sie können nun transparent nachvollziehen, welche Arzneimittel wann und wie eingenommen werden sollen.

Technische Voraussetzung für die Einführung des neuen Systems war die flächendeckende Ausrollung der digitalen Fieberkurve. Sie ersetzt die Papierakte, ermöglicht Echtzeit-Zugriff auf Patient*innen-Daten, verbessert die Dokumentationsqualität und Sicherheit. „Bei der automatisierten Verblisterung garantiert das Apothekenteam die Qualitäts- und Sicherheitskontrolle“, erklärt Schweiger, zum Beispiel durch die Fotodokumentation abgefüllter Medikamente. Also wird in der Wiener Spitalsapotheke nun in großer Menge automatisch verblistert. „Zytostatika für die Chemotherapie geben wir erst am Ende dazu, um eine Kreuzkontamination zu vermeiden“, erläutert der Krankenhaus-Fachapotheker.

„Selten verschriebene Arzneimittel werden hingegen auch weiterhin händisch aus der Verpackung gedrückt, weil sie sonst ablaufen könnten.“ Auch Pflaster und Granulate etikettiert die Apotheke manuell und sendet sie an die Abteilungen. Infusionen laufen ebenfalls nicht über das neue System. Sie bleiben Teil des Medikamentendepots im jeweiligen Spital.

Thomas Schweiger (c) BHS-Wien Marcus Deak

Durch die Einbindung von Klinischer Pharmazie und individueller Verblisterung trägt die Apotheke zur Patient*innen-Sicherheit bei.

Mag. Thomas Schweiger

Leiter der Spitalsapotheke Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien

Aufwertung der Spitals-Apotheke

Das neue System verbindet die Produktion mit der klinischen Pharmazie. Die Spitalsapotheken rücken näher an Medizin und Pflege heran. Basierend auf einer ärztlichen freigegebenen Handlungsanleitung dürfen Krankenhausapotheker*innen laut Apothekengesetz bestimmte Anpassungen vornehmen, beispielsweise wenn ein Medikament oder Wirkstoff nicht verfügbar sind.

Wie internationale Studien zeigen, sinken durch die Prozessoptimierung Leid und Folgekosten, etwa vermeidbare Nebenwirkungen, Aufenthalts- oder Intensivtage von Patient*innen. Außerdem könnten Krankenhausapotheker*innen mit dem neuen System Personalkosten künftig hereinspielen. „Auch aus ersten eigenen Daten sehen wir, dass die Entwicklung der Apotheke vom reinen Packungsversorger in Richtung eines aktiven Medikamentenmanagements auf Stationen Geld sparen kann“, weiß Schweiger aus der Praxis. Das reicht vom Absetzen nicht mehr benötigter Medikation über die Streichung der Doppelverschreibung bis zur optimierten Anwendung teurer Antibiotika.

„Die Zahl an Medikamenten steigt, die Anwendung wird komplexer, Wechselwirkungen sind wahrscheinlicher“ weiß Schweiger aus der Praxis. „Pharmazeut*innen erhöhen als Teil des interprofessionellen Behandlungsteams die Arzneimittelsicherheit.“ Und setzen so einen bedeutenden Schritt zur Umsetzung der WHO-Initiative „Medication Without Harm“ und der vom Europarat empfohlenen sowie im Österreichischen Strukturplan Gesundheit verankerten Qualitätskriterien zur pharmazeutischen Betreuung um. „Klinische Pharmazeut*innen ergänzen die elektronische Fieberkurve und automatisierte Verblisterung. Dadurch sinkt die Fehlerquote auf nahezu null.“

International wurde das „Closed Loop Medication Management“ teilweise bereits vor Jahren eingeführt. Im wenig digitalisierten österreichischen Gesundheitswesen waren Ordensspitäler Vorreiter bei der Einführung der digitalen Fieberkurve und sind es jetzt auch bei der automatisierten Verblisterung von Medikamenten. Das Barmherzige Schwestern Krankenhaus Wien ist die erste Klinik der Bundeshauptstadt mit diesem System. Österreichweit hat das Spital die zweite von insgesamt 43 Krankenhausapotheken, die Neuverblisterung praktizieren. Die Apotheke des Ordensklinikum Linz Barmherzige Brüder, die als öffentliche Apotheke zuvor bereits für Pflegeheime neu verblisterte, inkludierte vor einigen Jahren auch die Versorgung des angeschlossenen Krankenhauses.

Nach erfolgreichem Abschluss der Testphase erfolgt nun die weitere Ausrollung in den Vinzenz Kliniken Wien. Das erste Feedback sei unisono positiv, freut sich Schweiger „Durch die Transparenz wird das neue System von allen Seiten gut angenommen.“

Fotos: Titelbild und Testimonial Thomas Schweiger (c) BHS-Wien Marcus Deak

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