
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist sichere medizinische Versorgung ein ständiger Begleiter. Der diesjährige Welttag der Patient*innensicherheit stellt diese oft langen Versorgungspfade in den Mittelpunkt.
Text: Rosi Dorudi
„Chronische Erkrankungen sind die häufigste Versorgungsrealität in österreichischen Spitälern, nicht der Ausnahmefall“, sagt ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Michael Wagner, Präsident der Österreichischen Plattform Patient*innensicherheit. Dazu zählten unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, chronische Lungenerkrankungen, onkologische Diagnosen und psychische Erkrankungen. „Davon betroffene Patient*innen begegnen uns täglich, oft mit mehreren Diagnosen gleichzeitig.“ Viele von ihnen benötigen über Jahre hinweg medizinische Betreuung und werden dabei von unterschiedlichen Gesundheitsberufen und Einrichtungen begleitet. Das diesjährige WHO-Motto des Welttages der Patient*innensicherheit, der jährlich am 17. September begangen wird, „Safe care for noncommunicable diseases“ mit dem Slogan „Safe care for life!“ bringt für Wagner genau diese Perspektive auf den Punkt: Patient*innensicherheit beginnt und endet für chronisch erkrankte Menschen nicht mit dem Krankenhausaufenthalt, sondern betrifft den gesamten Versorgungsverlauf über Monate und Jahre und über Einrichtungsgrenzen hinweg.
Genau dort, an diesen Übergängen, liegt für Wagner die höchste Risikokonzentration. Besonders kritisch sei die Spitalsentlassung: Medikationspläne würden nicht übergeben, Nachsorgetermine nicht vereinbart, niedergelassene Ärzt*innen erhielten Informationen zu spät oder unvollständig. Bei chronisch Erkrankten kommt mit der Polypharmazie ein weiteres spezifisches Risiko hinzu. „Menschen mit mehreren chronischen Erkrankungen nehmen im Schnitt fünf oder mehr Medikamente dauerhaft ein, wodurch die Wechselwirkungsrisiken steigen“, erläutert der Präsident. Während Krankenhäuser in den vergangenen Jahren strukturierte Sicherheitssysteme wie Checklisten, Fehlermeldesysteme und Übergabestandards aufgebaut hätten, sei die Situation im niedergelassenen Bereich und in der Langzeitpflege „deutlich heterogener“. Diese Lücke zu schließen, sei eine der zentralen Aufgaben der nächsten Jahre, so Wagner.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Kommunikation. „Internationale Analysen zeigen, dass Kommunikationsfehler die häufigste Ursache für unerwünschte Ereignisse sind“, sagt Wagner. Gerade bei chronisch kranken Menschen, die über Jahre von wechselnden Teams betreut werden, sei das ein besonderes Problem. Strukturierte Übergabeformate könnten sicherstellen, dass wesentliche Informationen vollständig und in der richtigen Reihenfolge weitergegeben werden. Auch die digitale Vernetzung über Sektorengrenzen hinweg könne dazu beitragen. „ELGA bietet hier Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind“, so Wagner. Dabei sollten auch die Patient*innen selbst stärker einbezogen werden, da sie über ihren eigenen Gesundheitszustand am besten Bescheid wüssten. „Sie aktiv in die Kommunikation einzubeziehen, ist daher eine wichtige Sicherheitsmaßnahme.“
Bei der kurzfristig wirksamsten Maßnahme wird Wagner konkret: Er plädiert für eine flächendeckende, strukturierte Medikationsüberprüfung beim Übergang zwischen den Versorgungsebenen. „Die Evidenz dazu ist eindeutig, und die technischen Voraussetzungen durch ELGA sind vorhanden. Es fehlt aktuell an verbindlichen Prozessen.“ Ergänzend brauche es schriftliche, patient*innenverständliche Behandlungs- und Notfallpläne für Menschen mit komplexen chronischen Erkrankungen.
Auch die Personalausstattung ist für Wagner ein zentraler Sicherheitsfaktor. Einer Schweizer Studie zufolge besteht ein Zusammenhang zwischen einer sinkenden Zahl qualifizierter Pflegestunden und einem höheren Risiko für unerwünschte Ereignisse und Sterblichkeit. Für Wagner sind die darin genannten 243 vermeidbaren Todesfälle und fast 4.700 vermeidbaren Stoffwechselentgleisungen jährlich in Schweizer Akutspitälern „keine statistischen Artefakte, sondern die messbare Folge von Unterversorgung“. Für Österreich fehle allerdings eine vergleichbare Auswertung. Es gebe kein vollständiges Bild darüber, wie viele vermeidbare Ereignisse in österreichischen Spitälern auf die Personalausstattung zurückzuführen seien. „Diese Datenlücke ist selbst ein Problem, denn was nicht gemessen wird, wird nicht verändert.“ Die Schweizer Studie sollte daher Anlass sein, diese Frage auch für Österreich systematisch zu untersuchen.
Entscheidend sei dabei nicht allein die Anzahl der Mitarbeitenden. Auch Qualifikation und Zusammensetzung der Teams spielten eine Rolle. „Es gibt eine Untergrenze, ab der auch gut qualifiziertes Personal einen Personalmangel nicht mehr ausgleichen kann“, sagt Wagner. Gleichzeitig zeige die Schweizer Evidenz, dass ein höherer Anteil diplomierter Pflegefachpersonen die Sicherheit erhöhe. Als entscheidende Stellschraube nennt er die Teamzusammensetzung. „Interprofessionelle Teams mit klar definierten Rollen und Verantwortlichkeiten sind stabiler als hierarchische Strukturen, in denen Informationen nur in eine Richtung fließen.“
Ob Patient*innensicherheit unter dauerhaftem Personalmangel gewährleistet werden könne, beantwortet Wagner klar: „Nein, nicht ohne aktives Gegensteuern.“ Fehlermeldesysteme, strukturierte Übergaben und Simulationstrainings könnten Risiken auch bei reduzierter Personalstärke erkennbar und handhabbar halten. Den Personalmangel selbst könnten sie jedoch nicht lösen. „Die strukturelle Frage, wie viel Personal eine sichere Versorgung braucht, muss die Politik beantworten.“
Auch den Ärzt*innen- und Pflegemangel gegeneinander auszuspielen, hält Wagner für falsch. Beide Berufsgruppen erfüllten unterschiedliche und unverzichtbare Funktionen. Der Zusammenhang zwischen Pflegepersonalmangel und Patient*innensicherheit sei besonders gut belegt, weil Pflege rund um die Uhr am Bett präsent sei. Der Ärzt*innenmangel, vor allem im niedergelassenen Bereich und in ländlichen Regionen, habe andere, aber ebenfalls gravierende Folgen – darunter verzögerte Diagnosen, fehlende Koordination und die Überlastung verbleibender Kolleg*innen. „Beide Mängel verstärken sich gegenseitig.“
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz können aus Wagners Sicht ebenfalls zur Patient*innensicherheit beitragen. Er nennt automatisierte Medikationschecks, KI-gestützte Alarmsysteme zur Früherkennung klinischer Verschlechterungen und einen schnelleren Zugriff auf vollständige Patient*innendaten über Sektorengrenzen hinweg. Gleichzeitig warnt er davor, die Möglichkeiten der Technologie zu überschätzen. „Alarm fatigue ist ein reales Problem. Systeme, die zu viele Warnmeldungen produzieren, werden ignoriert.“ Auch Fähigkeiten wie Kommunikation, Situationsbewusstsein und Teamführung dürften nicht zu kurz kommen. „Technologie kann eine gute Sicherheitskultur unterstützen, aber nicht ersetzen.“
Seine Botschaft zum Welttag richtet Wagner an Politik, Gesundheitseinrichtungen und Gesundheitsberufe gleichermaßen. Die Politik müsse verbindliche Standards schaffen und bereit sein, auch unbequeme Daten zu erheben. Einrichtungen bräuchten eine offene Fehlerkultur, damit ein System aus Fehlern lernen könne. Und für alle Gesundheitsberufe gelte: „Patient*innensicherheit ist keine zusätzliche Aufgabe neben dem Kerngeschäft. Sie ist das Kerngeschäft.“
Titelbild: © MedUni Wien/feelimage