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Gesundheit
Österreich
11.06.2024

Kinder- und Jugendpsychiatrie: „Mehr Ressourcen für die Versorgung“

Junge Erwachsene können neuerdings auch nach ihrem 18. Geburtstag von der Kinder- und Jugendpsychiatrie weiterbetreut werden, aus Sicht der zuständigen Fachgesellschaft ein wichtiger Fortschritt. Darüber hinaus sei es dringend erforderlich, die flächendeckende kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung durch ein Bündel an Maßnahmen zu stärken, sagt Kathrin Sevecke, Leiterin der Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck und Hall in Tirol.

Eine im Mai in Kraft getretene Novelle der Ärzt*innen-Ausbildungsordnung ermöglicht es Kinder- und Jugendpsychiater*innen, junge Patient*innen auch nach deren 18. Geburtstag bis zum maximal 25. Lebensjahr weiter zu behandeln, wenn das Krankheitsbild seinen Ursprung im Kindes- und Jugendalter hat. „Aus wissenschaftlichen Daten ist lange bekannt, dass die Transition in die Erwachsenenpsychiatrie leider nur im Ausnahmefall gut funktioniert“, so Univ.-Prof.in Dr.in Kathrin Sevecke, Past Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (ÖGKJP). „Wenn junge Erwachsene wegen eines altersbedingten Stichtags nicht mehr an die gewohnte Versorgung angebunden sind, brechen sie oft die Therapie ab und ihre gesundheitliche Situation verschlechtert sich massiv.“ Zudem verschiebe sich die Phase der Adoleszenz aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen immer weiter nach hinten, die heute 18-Jährigen seien weniger reif und selbständig als Gleichaltrige vor 30 Jahren. „Deshalb ist es sehr erfreulich, dass wir jetzt mehr Zeit haben, junge Menschen mit psychischen Erkrankungen gut und mit weniger Zeitdruck in dieser sensiblen Transitionsphase begleiten zu können“, betont Kathrin Sevecke. „Doch gibt es für unser Fach weiterhin viel zu tun. Damit alle Kinder und Jugendlichen, die unsere Hilfe brauchen, sie auch bekommen, benötigen wir eine deutliche Aufstockung der Ressourcen.“

Die kinder- und jugendpsychiatrische Fachgesellschaft hat wiederholt auf zum Teil eklatante Versorgungsdefizite hingewiesen. Wobei der Bedarf nach Einschätzung der Expert*innen weiter steigen wird. „Die COVID-19-Pandemie hat einen Anstieg psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter deutlich gemacht, und die multiplen aktuellen Krisen sorgen dafür, dass uns dieser hohe Versorgungsbedarf weiter begleitet. Mehr als 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind mittlerweile nachweislich psychisch belastet“, sagt die Expertin. „Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, dem gerecht zu werden.“  Umso verwunderlicher sei es, heißt es seitens der ÖGKJP, dass verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der psychosozialen Lage junger Menschen keine Unterstützung für die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung vorsehen. 

Rezepte gegen Fachärzt*innenmangel

Einen Engpass gibt es bei der Zahl der Fachärzt*innen. „Das hat vielfältige Gründe“, sagt Kathrin Sevecke. „Österreich hat viel später als andere deutschsprachige Länder das Sonderfach eingeführt, damit ist es bei den Absolvent*innen leider immer noch weniger als potenzielles Ausbildungsfach präsent.“ Zudem ist das Einkommen schon mangels Privatpatient*innen geringer als in anderen Fächern. Eine Attraktivierung des Fachs sei dringend erforderlich, so die Leiterin so die Leiterin der Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck und in Hall in Tirol. Dazu gehören zum Beispiel Ausgleichszahlungen, um die niedrigeren Gehälter anzuheben. Zudem müssten die Länder bei der Schaffung neuer Ausbildungskapazitäten unterstützt werden, ebenso seien finanzierte Ausbildungsstellen in niedergelassenen Lehrpraxen erforderlich. 

"Mehr als 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind mittlerweile nachweislich psychisch belastet. Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, dem gerecht zu werden.“ Kathrin Sevecke

Ressourcen ausbauen, neue Versorgungskonzepte ermöglichen 

Der Fachärzt*innenmangel müsse aktiv bekämpft werden, statt mit Verweis auf denselben außerhalb der Kinder- und Jugendpsychiatrie Strukturen auf- oder auszubauen, sagt Kathrin Sevecke. „Wir arbeiten sehr stark interdisziplinär, unserer Teams umfassen bis zu sechs Gesundheitsberufe. Hätten wir ausreichend Stellen, zum Beispiel für Psycholog*innen oder Psychotherapeut*innen, könnten wir diese auch besetzen.“

Die Fachgesellschaft hat auch darüber hinaus klare Vorstellungen, wie die Versorgungslage möglichst rasch verbessert werden sollte. Unter anderem durch die Einrichtung einer koordinierenden Stelle auf Bundesebene für alle Bereiche von Mental Health bei Kindern und Jugendlichen mit einem klaren Pouvoir, Ressort- und Sektorenübergreifend zu planen. Neben einem Ausbau der Versorgung auf verschiedenen Ebenen wie Akuteinheiten oder Tageskliniken sei es auch wichtig, ausreichend Mittel für neue, niedrigschwellige Konzepte wie Home Treatment und telemedizinische Optionen zur Verfügung zu stellen. 

„Wir haben das Wissen, die Kompetenzen und die Bereitschaft, die optimale Versorgung für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu schaffen“, so Kathrin Sevecke. „Es wird auch in den nächsten Jahren noch einige Anstrengungen des Bundes und der Länder brauchen, um uns dafür ausreichende Ressourcen in die Hand zu geben.“

Text: Birgit Kofler

Foto: (c) Med.Uni Innsbruck/C. Simon

Kathrin Sevecke, Prim.a Univ.-Prof.in Dr.in

Kathrin Sevecke ist Direktorin der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter, Innsbruck und Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am LKH Hall. Univ.-Prof.in Sevecke kommt aus Nordrhein-Westfalen, hat an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn Medizin studiert und 1999 promoviert.  Zehn Jahre später erhielt sie die Venia legendi für das Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 1999 war sie zunächst Assistenzärztin in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität zu Köln, bevor sie 2006 die Funktion einer Oberärztin mit leitender Funktion an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Köln übernahm. Auslandsaufenthalte führten sie an das Hospital-Weill Medical College of Cornell University (New York), die University of Stanford (Kalifornien) und die Rosalind Franklin University of Medicine and Science (Chicago). 

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