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Gesundheit
Oberösterreich
02.04.2024

Gender Health Gap: KI als Hoffnungsträger

Der weltweite Gender Health Gap – die Ungleichbehandlung von Frauen im Gesundheitswesen – hat nicht nur gravierende Auswirkungen auf die weibliche Lebenserwartung und -qualität, er hat auch enorme wirtschaftliche Folgen. Kann vielleicht Künstliche Intelligenz der Benachteiligung künftig entgegenwirken?

Geht es um systematische Benachteiligung von Frauen in Österreich, ist der Gender Pay Gap hierzulande oft jenes Thema, das von Gesellschaft, Medien und Politik als Paradebeispiel für fehlende Chancengleichheit gebracht wird. Er beschreibt den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen bei gleicher Qualifikation – und beträgt laut Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, in den EU-Ländern im Schnitt 12,7 Prozent. Von echter Gleichbehandlung ist man also noch weit entfernt. Und das nicht nur am Arbeitsmarkt.

Gender Health Gap im Fokus

So gibt es auch im Gesundheitswesen einen massiven Gender Gap, der allerdings weniger im Fokus der Öffentlichkeit steht: Laut einer aktuellen Studie des McKinsey Health Institute (MHI) und des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum/WEF) verbringen Frauen im Vergleich mit Männern 25 Prozent mehr Zeit „in schlechtem Gesundheitszustand“ – im Schnitt ganze neun Jahre ihres Lebens. Laut der Studie liegen die Ursachen dafür in der Ungleichbehandlung von Frauen in den globalen Gesundheitssystemen. Kurz: Im Gender Health Gap. 

Demnach werde einerseits in der Medizin nicht ausreichend nach geschlechterspezifischen Kriterien geforscht; auch gäbe es viel zu wenig differenzierte Daten. Es sei somit unter anderem schwierig, unterschiedliche Auswirkungen von Medikamenten und Therapien auf Frauen und auf Männer zu benennen, da die Datenlage ungenügend ist, so das MHI und das WEF. Auch lassen konkrete Investitionen in frauenspezifische Forschung zu wünschen übrig. 

Tatsächliche Ungleichbehandlung

Darüber hinaus gibt es auch im alltäglichen Leben eine tatsächliche Ungleichbehandlung von Frauen, die sich in medizinische Behandlung begeben (wollen). Ihre Symptome werden deutlich seltener ernst genommen als bei Männern, öfter als „übertrieben“ beziehungsweise als „Stress“ abgetan oder schlicht nicht erkannt, weil spezifisches Wissen fehlt. Dies beruht ebenfalls auf den seit Anbeginn männlich geprägten Gesundheitssystemen, die in der Forschung und somit auch in der Ausbildung bisher kaum auf geschlechterspezifische Unterschiede bedacht waren.

Analysen von Gesundheitsakten und Studien in den USA zeigen unter anderem, dass weniger als die Hälfte der Frauen mit Endometriose eine dokumentierte Diagnose erhalten haben, obwohl es sich hier um eine der häufigsten Unterleibserkrankungen bei Frauen handelt. Bei Endometriose wächst Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter und verursacht teilweise über viele Jahre hindurch überaus starke Schmerzen. Zudem kann durch die Erkrankung, deren Ursache noch nicht restlos geklärt ist, die Fruchtbarkeit beeinträchtigt werden. Schätzungen zufolge leiden 8 bis 15 Prozent aller Frauen unter Endometriose, in Österreich gibt es laut der MedUni Wien bis zu 300.000 Betroffene. Die Dunkelziffer ist hoch, da sie oft unerkannt bleibt oder erst mit großer Verzögerung diagnostiziert wird. 

Doch auch bei Krankheiten, von denen Männer und Frauen gleichermaßen betroffen sind, steigen Letztere schlecht aus: Statistisch belegt ist, dass sie deutlich später eine Diagnose gestellt bekommen als Männer; bei Diabetes beispielsweise sind es im Schnitt viereinhalb Jahre Verzögerung. So ist aufgrund verspäteter Diagnosen auch das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, bei Frauen um 20 Prozent höher als bei Männern.

KI: Datenlage entscheidend

Hoffnung, den Gender Health Gap zu minimieren, wird nun in Künstliche Intelligenz (KI) gesetzt. Generell werden Frauen – so wie Männer – vom Einsatz von Programmen profitieren, die zur Diagnosestellung, unter anderem zur Krebserkennung, herangezogen werden. KI-unterstützte Systeme ermöglichen eine 30-mal schnellere Überprüfung und Übersetzung von Mammographien mit einer Genauigkeit von 99 Prozent, wodurch die Notwendigkeit von Biopsien verringert wird. Zudem kann die KI aufgrund der Zugriffsmöglichkeit auf riesige Datenbanken auch jene Krankheitsbilder erkennen, die menschlichen Mediziner*innen möglicherweise unbekannt sind. Und nicht zuletzt ermöglichen automatisierte Prozesse, das Zeitbudget von Ärzt*innen in Richtung tatsächlicher Behandlung von Menschen zu verschieben, indem arbeitsintensive administrative Tätigkeiten vom Computer übernommen werden. Auch das kann zur Schließung des Gender Health Gaps beitragen. 

Fakt aber ist, dass auch Künstliche Intelligenz nur so gut sein kann, wie die Daten sind, mit denen sie gefüttert wird. Insbesondere bei geschlechtsspezifischer Arbeit ist dies ausschlaggebend. Es muss daher als prioritär angesehen werden, die Datenmängel im Gesundheitsbereich zu beseitigen, da diese dazu führen können, dass sich der Gender Health Gap im Zuge von verstärkten KI-Anwendungen in der Medizin sogar noch verschärft: „Wenn Künstliche Intelligenz überwiegend aus männlichen Daten lernt, entfernen wir uns weiter und weiter von der gesundheitlichen Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern“, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Gendermedizinerin an der MedUni Wien. „Wir brauchen mehr Investitionen in frauenspezifische Forschung, die Sammlung und Analyse geschlechtsspezifischer Daten sowie die Verbesserung des Zugangs zu geschlechtsspezifischer Versorgung“.

75 Millionen Lebensjahre mehr

Die Beseitigung des Gender Health Gaps würde jedenfalls die Gesundheit und somit die Lebensqualität von Millionen von Frauen verbessern. Global gesehen würden dies durchschnittlich sieben zusätzliche „gesunde“ Tage pro Jahr bedeuten – bei weltweit 3,9 Milliarden Frauen insgesamt 75 Millionen Lebensjahre. 

Nicht zuletzt wirkt sich der Gender Health Gap auch auf die Weltwirtschaft aus. Das MHI und das WEF haben errechnet, dass diese bei medizinischer Gleichbehandlung der Geschlechter bis 2040 jährlich um mindestens eine Billion Dollar wachsen könnte. Dies hätte die gleiche Wirkung, als wenn 137 Millionen Frauen Zugang zu Vollzeitstellen erhielten – und somit wäre das Schließen des Gender Health Gaps auch für eine Minimierung des Gender Pay Gaps dringend notwendig. Denn wie man es dreht und wendet: Diskriminierung darf einfach keinen Platz in der Gesellschaft haben. 

Text: Michi Reichelt; Foto: Bermix Studio/Unsplash

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