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Gesundheit
Oberösterreich
15.01.2021

„Die COVID-19-Impfung verändert unsere DNA nicht“

Der Immunologe und Genforscher Josef Penninger beantwortet im Interview Fragen zu COVID-19-Impfstoffen, deren Wirkung und den aktuellen Stand der Wissenschaft.

Neben klassischen Impfstoffen werden gegen COVID-19 völlig neuartige Immunisierungsmechanismen entwickelt. Bei Vektor-Impfstoffen sollen ungefährliche Viren bestimmte Teile der Erbinformation des Krankheitserregers in Körperzellen einschleusen. Diese produzieren dann eine Zeitlang selbst bestimmte virale Antigene. 

Außerdem stehen erstmals mRNA-Impfstoffe vor der Zulassung. Sie gehören zur völlig neuartigen Familie der genetischen Impfstoffe, da aus der Ribonukleinsäure (RNA) ein Protein hergestellt wird, das eine Immunreaktion auslöst. Diese Boten-RNA heißt auf Englisch Messenger-RNA und wird kurz mRNA genannt. In den Labors von Biontech oder Moderna wurden solche SARS-CoV-2-Impfstoffe entwickelt, die offenbar knapp vor der Zulassung in Europa stehen.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gesundheits- und Pflegeberufen, die als erste zur Impfung aufgerufen werden sollen, freuen sich über diese Chance, sich zu schützen. Aber viele sind skeptisch, ob sie als menschliche Versuchskaninchen für völlig neue Impfungstypen herhalten sollen.

Univ.-Prof. Dr. Josef Penninger ist weltweit einer der führendsten Genforscher, er hat mehr als 700 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Medizin und Genetik publiziert. Der gebürtige Innviertler war 15 Jahre lang Wissenschaftlicher Direktor des Institutes für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (IMBA) in Wien und leitet seit zwei Jahren das Life Sciences Institute der University of British Columbia (Kanada). Eine von ihm gegründete Biotech-Firma, Apeiron Biologics, entwickelt ein Medikament zur Behandlung der SARS-CoV-2-Erkrankung, das derzeit in der finalen Studienphase IIb steht. Penninger erklärt komplexe medizinische Vorgänge sehr anschaulich.

Die größte Sorge vieler Menschen ist, dass Vektor-Impfstoffe unser Erbgut verändern. Zu Recht?

Josef Penninger: Nein, Vektor-Impfstoffe können das nicht. Es wird sozusagen ein veränderter harmloser Teil des COVID-19-Virus auf den eigentlichen Virus-Vektor draufgeklebt. Wenn man mit diesem harmlosen Virusteil impft, also leicht infiziert, reagiert unser Immunsystem darauf – und das ist gut. Aber es ändert nichts an unseren eigenen Genen. Der chinesische, der russische und der Impfstoff von Astra Zeneca basieren auf diesem Prinzip. In China werden bereits Menschen geimpft, davon hört man allerdings bei uns nicht viel. Chinesische Pharmakonzerne haben riesige Produktionsstraßen aufgebaut, wo bereits Hunderte Millionen Dosen hergestellt werden. Im Grunde der gleiche Impfstoff, den auch Astra Zeneca bereitstellen wird.

Und mRNA-Impfstoffe – machen die etwas mit unserem Erbgut?

Nein, man bringt sie in unseren Körper, aber sie können unser eigenes Erbgut nicht verändern. Das basiert auf viel Forschungsarbeit, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gemacht wurde. Diese Impfstoffe sind schon früher an Patienten untersucht worden, zum Beispiel um gegen Tumore Antigene zu impfen.

Penninger Portrait

Es gibt noch keine Langzeitstudien. Werden Sie sich trotzdem impfen lassen?

Obwohl diese Impfstoffe sehr schnell entwickelt worden sind, werde ich mich impfen lassen. Ich bin ja Immunologe! Es wird wichtig sein, dass sich sehr viele impfen lassen, damit die Ansteckungskette unterbrochen wird. Aber es gibt noch viele offene Fragen: Wir wissen noch nicht genau, ob die Impfungen bei Älteren und Jüngeren gleich gut wirken. Oder: Verhindern sie auch die Ansteckung an andere von jemandem, der symptomlos infiziert ist? Dritte wichtige Frage: Verhindert die Impfung auch, dass sehr schwere COVID-Erkrankungen entstehen? Und letztendlich wird man das Nebenwirkungsprofil erst genauer kennen, wenn viele Millionen Menschen geimpft sein werden. Mittlerweile gibt es schon recht gutes Zahlenmaterial, aber natürlich ohne Langzeitstudien.

"In Entwicklung sind zum Beispiel Impfstoffe, die man inhalieren kann."

Was sagen Sie zu diesem Wettlauf der Impfstoffentwickler?

Jetzt gibt es die Frontrunner von Impfstoffen. Es ist aber sehr wichtig, dass man die zweite Generation von Impfstoffen nicht vergisst. In Entwicklung sind zum Beispiel Impfstoffe, die man inhalieren kann. Vielleicht sind die sogar besser als jene, die man am Anfang verwenden wird – weil sie direkt dorthin gelangen, wo das Virus uns infiziert: zu den Atemwegen. 

Sie selbst forschen seit vielen Jahren an der Behandlung von SARS. Was ist das Ziel Ihres Medikamentes APN01?

Basierend auf meiner Forschung, die wir etwa um 1998 begonnen haben, entwickelt Apeiron Biologics eine lösliche Form des Enzyms ACE2, das bei einer COVID-19-Infektion eine wesentliche Rolle spielt. Das sollte eine der erfolgversprechendsten Therapien überhaupt sein, da ACE2 der Rezeptor für das SARS-CoV2-Virus ist. Unser Medikament blockiert das Eindringen dieses Virus in Zellen und als zweite Funktion, eingebaut in dasselbe Medikament, schützt es gleichzeitig Organe vor Schäden.

Wann werden Sie aussagekräftige Daten für ein Zulassungsverfahren von APN01 haben?

Nach dem letzten rekrutierten Patienten müssen wir fünf Wochen warten, bis wir Daten haben. Das sollte hoffentlich etwa Ende Jänner sein. Wir selbst dürfen derzeit nichts über den Studienverlauf wissen, das ist ein extrem sauberes und strenges Studiendesign. Das entspricht den klassischen Prinzipien der Medikamentenentwicklung, die leider bei vielen Therapieansätzen bei COVID-19 ausgesetzt wurden. Es ist aber essentiell, dass wir saubere Ergebnisse bekommen: ein Medikament funktioniert oder es funktioniert nicht. Mit Halbwissen und schlechten Studien ist keinem geholfen. 

Penninger 2

Hat das Corona-Virus die weltweite Forschungslandschaft verändert?

Wir können von COVID-19 lernen, dass wir weltweit – wenn wir uns auf ein Thema fokussieren –, wirklich schnell viele Lösungen finden können. Und diese Lösungen sind möglich, weil schon lange Grundlagenforschung betrieben worden ist, deren Sinn nicht immer sofort erkennbar war. In Forschung zu investieren zahlt sich also aus. Wenn plötzlich ein Problem auftritt, gibt es schon eine Basis, die schnelle Ergebnisse ermöglicht. Wie eben zum Beispiel bei den mRNA-Impfstoffen für COVID-19.

Interview: Claudia Schanza; Bilder: Paul H. Joseph/UBC Brand & Marketing und IMP-IMBA Graphics Dept./Hannes Tkadletz